Mittwoch, 15. September 2010

Ankara 1/1 Altindag

Jenseits des Bent Dere: das Gecekondu von Altindag




Perspektiven des Gecekondu von Ankara-Altindag

Einen krasseren städtebaulichen Gegensatz kann man sich kaum vorstellen als die Architektur  des Begendik-Supermarkts im Zentrum von Kizilay mit seinen schrillen Schrägfronten und die an den brüchigen Steilhängen des Altindag klebende Gecekondusiedlung jenseits des Bentdere - des Dammbachs.

Zwischen den Dächern des Gecekondus und eines Nachbarhügels öffnet sich der Blick auf ein Strassenkreuz. Dort überbrückt die aus dem Tal ausmündende Bentderesi Caddesi die Fortsetzung des Atatürk Bulvari, der Zentralachse Ankaras. Am Horizont über dem Talausschnitt - dies- und jenseits der Turgut Oezal Ringstrasse - erstreckt sich ein nach Norden ausgreifender Arm der Neustadt. Es ist ein klarer Wintertag. Dennoch ist der Horizont vom bekannten Ankara-Smog verhängt. Die Luftverschmutzung durch die veraltete Braunkohleverfeuerung und den dichten Verkehr zählt neben die Versorgung mit gesundem Trinkwasser und der Abfallentsorgung zu den dringendsten Umwelt-Problemen der rasch wachsenden Hauptstadt.

Die doppelspurige Bentderesi-Caddesi schlängelt sich, dem Bent Dere folgend, durch das enge Tal zwischen dem Burgberg mit der historischen Altstadt und dem Gecekonduhügel „Altindag“ im Norden des Tals. Der Name bedeutet wortübersetzt „Goldberg“ und bezeichnet zugleich den grossen Stadtbezirk, welcher auch Ulus einschliesst. Der langgestreckte steile Hügel ist bis zur Kuppe von ein- und zweistöckigen Steinhäuschen überwachsen. Die Ziegeldächer staffeln sich. Wo die Besiedlung schmalste Terrassen ausnützt, hängen die schütteren Behausungen durch enge Gässchen verbunden oft abenteuerlich übereinander. Zubauten und Aufstockungen schaffen Raum für nachgezogene Verwandte. Zerfallende Häuser liefern Baumaterial für neues Flickwerk in den entstandenen Lücken.

Die Gecekondusiedlung hat die Gürtelstrasse überwuchert und sich ins Altstadtgebiet hineingefressen. In deren Randzone entstanden auf Abrissplätzen Gewerbehöfe. Zwischen alten Wohnhäusern und Ruinen wird der Müll gestapelt, um dort verbrannt oder sortiert und verwertet zu werden. Entlang der Benteresi-Strasse profitieren andere Kleinbetriebe, etwa Autowerkstätten oder Tankstellen, vom Verkehr. Und am Fuss des Burghügels führen Bewohner Gärtnereien, welche Setzlinge und Grünzeug jeder Art vertreiben. 

In den Gecekondus ist die Arbeitslosigkeit - durch die Wirtschaftskrise von 2001/2 verschärft - ausserordentlich hoch. Die nach ihrer Mitgliederzahl grösseren Zuwandererfamilien nutzen ihre bessere Chance, sich durch Beziehungen im verfügbaren Geschäft zu positionieren. Der Erwerb findet kaum im Gecekondu selber, sondern an der Verkehrsader, im Altstadtbasar, in den angrenzenden Hotel- und Geschäftsquartieren von Ulus und im weitern Umkreis statt. Arbeit finden die männlichen Bewohner, wie andernorts auch, etwa im Bau, in der Restauration und Hotellerie, in kleinen Werkstätten, als Taxifahrer oder auf dem Niveau des Strassenhandels als Kleinkrämer und Kundenschlepper.

Die Kriminalität ist generell im Ansteigen begriffen, ausgeprägt zur Zeit der Wirtschaftskrise von 2001 und den darauf folgenden Jahren.   Den zahlreichen arbeitslosen Jugendlichen verspricht die Bandenkriminalität oft eine bessere Zukunft. Der Einstieg beginnt mit Schwarzhandel und kleinen Diebereien. Die Gecekondubezirke werden durch Polizeiposten unter Kontrolle gehalten. Sie befinden sich um den Altindag an strategischen Schlüsselstellen zwischen den dichtbesiedelten Hügeln. Die mit Ueberfallwagen ausgerüsteten Kommandos sind schnell zur Stelle und greifen mit äusserster Härte durch. Bei Ueberfällen mit Gewaltanwendung riskieren die Täter Höchststrafen. Das Strafgesetz, von der faschistischen Diktatur Italiens 1942 entliehen, ist von schonungsloser Strenge. Das Gericht beurteilt praktisch ausschliesslich die Fakten, nimmt also wenig Rücksicht auf die Bedingungen einer Tat.  

Das Gecekondu reguliert seine Angelegenheiten als Stadtgemeinde unter einem gewählten Muhtar (Gemeindeoberen) selber. Obwohl seine Kompetenzen und finanziellen Ressourcen begrenzt sind, funktioniert das übervölkerte Gemeinwesen leidlich, da die soziale Kontrolle auf kommunaler und nachbarschaftlicher Basis wirksam ist. Das Misstrauen der nach ihrer regionalen Herkunft gemischten Bevölkerung gegenüber den staatlichen Behörden ist deutlich wahrnehmbar; es herrscht auf dem Hügel ein Klima der Abgrenzung gegen aussen; zugleich hat sich nach innen eine besondere Gecekondu-Solidarität entwickelt. Es gibt im Gecekondu von Altindag zwar eine Schule, die sogar am Hang über eine kleine, Sportplatzterrasse verfügt. Soziale Institutionen wie eine kreative Jugendbetreuung durch Sozialarbeiter haben sich hingegen noch bis um 2005 kaum in Ansätzen entwickelt.

Das Milieu von Altindag beginnt nur ein paar Steinwürfe von der Reiterstatue Atatürks, den Bankpalästen und dem ehrwürdigen Bau der Nationalversammlung im Zentrum von Ulus entfernt, wo 1923 die verfassungsgebende Versammlung der Republik tagte. Auf der markanten Hügelkuppe des Bezirks stehen die Masten einer Radio- und Fernsehstation. Von dort oder vom Burghügel gegenüber öffnet sich ein beeindruckender und auch beklemmender Blick über die Ausdehnung der Gecekondus von Altindag und Yenidogan und weit darüber hinaus nach Norden und Osten. 60% der Bevölkerung der Dreieinhalb-Millionenstadt Ankara leben in Gecekonduvierteln.

Zwischen Cankaya, dem nobeln Hügel des Regierungsviertels im Süden und den Gecekoduhügeln im Norden und Osten, liegen das Hacettepe-Universitätsviertel und die neuen Stadtteile Kizilay und Kavaklidere. Der Kontrast zwischen den topmodernen Geschäftsvierteln Kizilays und den respektablen Hotel- und Geschäftsfassaden des älteren Ulus einerseits und den im Blickfeld fast grenzenlos Richtung Norden und Osten wachsenden Gecekondusiedlungen andererseits, wo vorwiegend anatolische Migranten leben, verdeutlicht beispielhaft die soziale Disparität der Nation.

Die doppelspurige Verkehrssanierung der Talenge zwischen Burgberg und Altindag hat das hübsche Flüsschen, den Bent Dere, gezähmt und teilweise in den Untergrund verdrängt. Stadtarchitektonische Visionen werden auch die Gedcekondu-Landschaft zum Verschwinden bringen. Es ist zu hoffen, dass die städtebauliche Entwicklung die sozialen Probleme nicht hinter neuen Fassaden verdrängen, sondern menschengerechten Lösungen entgegenführen.


Leitziele und Zielkonflikte aktueller Stadtsanierung

Die Regeneration der Städte läuft auf vollen Touren. Ihre Angriffsfronten sind inzwischen in den grossen Zentren der Westtürkei und insbesondere in der Hauptstadt strategisch auf die Zonen der Gecekondus ausgerichtet. Bagger mit der Aufschrift „ALTINDAG“ schaffen im Stadtbezirk Platz für Wohnblockreihen, Einkaufszentren, Kulturmärkte, Restaurants, Spielplätze, Park- und Sportanlagen. Da wachsen etwa in Dogantepe 12 Stockwerk hohe Wohnsilos über das Gedränge der Ziegeldächer dörflicher Wohnhäuser hinaus. Die imposanten Towerblocks sind wie die wuchtigen Pfeiler einer Talsperre in die traditionelle Wohnlandschaft hineingesetzt und zwischen einem Trümmerfeld durch raumgreifende Zufahrts- und Verbindungstrassen erschlossen. Landschaftsbau, vermutlich so steril wie die Blöcke, wird die Flächen geschleifter Quartiere gestalten.

Die Erfüllung der Pläne, welche auch den Sozialwohnungsbau vorsehen, erfolgt in Kooperation zwischen den Stadtbehörden und der Vereinigung der Bauunternehmer. Der Werbeaufwand für die Projekte löste den erforderlichen Investitionsschub aus. Das aus der gegenwärtig boomenden Wirtschaft in die Sanierung der Hauptstadt fliessende Kapital verspricht Rendite. Wachsende öffentliche Einnahmen sollen wiederum für die Entwicklung des Bildungs- und Gesundheitswesens sowie zur Förderung der Kultur zur Verfügung stehen. Sanitäre Erschliessung und Abfallentsorgung sind in der Planung integriert. Sauberkeit ist eine werbewirsame Zielvorstellung der Reissbrettsanierung.

Neben der dynamischen Modernität entstehen auf dem frei werdenden Platz auch beschauliche Wohn- und Ladenquartiere: niedliche Reihenhäuschen mit Erkern und Holzfassungen, Remake im pseudo-osmanischen Baustil. Historismus ist angesagt: Fachwerk, verwinkelte Gässchen, Bazarromantik, eine sauber rekonstruierte Dorfidylle.  Man gewinnt den Eindruck, der historische Einheitsbaustil aus der Retorte habe den Zweck, die Idee der nationalen Einheit gegen die multikulturelle Realität der Gecekondus einerseits, gegen die gleichmachende Uebermacht der Moderne andererseits zu behaupten und zu beleben.

Dient sich da osmanische Renaissance in gönnerhafter Pose an, Unterschiede anatolischer Identität zu verwischen und zugleich nationalheimisches Lebensgefühl gegen die Sterilität von Betonwohnblöcken am Leben zu erhalten? Soll die Pflege und Konservierung nationaler Tradition das zugewanderte „Elend“ - das Unstädtische, Fremde - unter einer bürgerlichen Fassade kaschieren und zugleich drohender sozialer Entwurzelung und Verwahrlosung - jener Form von Verelendung, wie wir sie aus europäischen Betonvorstädten kennen - vorbeugen?

Restaurative Tendenzen haben gerne Alibicharakter. Falls der Masterplan zur Stadtsanierung und die mit ihm verknüpften sozialen Programme darauf abzielen, den heute (gerade in Ankara) als bedrohlich empfundenen Zuwachs durch Migration zu domestizieren, greifen sie die Probleme bloss an einem Ende an. Sozialhygiene oder Gewerbekontrolle sind   typische Anliegen von Sanierungsprojekten. Ordnungspolitische Mittel zur Problemlösung wie die polizeiliche Kontrolle des Migrantengewerbes  - besonders des Strassenhandels - schaffen indessen kaum Abhilfe. Falls die Regeneration der Städte gegenüber liberalen Konzepten regionaler Entwicklung - etwa in  bisher vernachlässigten Provinzen der Osttürkei - den Vorrang haben sollte, dürfte sie zukunftsweisende Lösungen eher verhindern statt fördern. Paternalistische Gesellschaftsgefüge sind eine traditionelle Stütze dirigistischer Staatswesen. Gelingt es der Verfassungsreform, die türkische Gesellschaft vom sogenannten Erzieherstaat zu emanzipieren, dann ist wohl der langwierige Weg zur Ueberwindung der sozialen Disparität und des mit ihr ursächlich verbundenen politischen Konflikts frei.

Der Glaube, dass wirtschaftliches Wachstum nach unten durchschlägt und a se eine sozialgerechte Verteilung von Kapital und Arbeit gewährleistet, ist trügerisch. Für die meisten Schwellenländer, welche dank der globalen Wirtschaftskrise ihre Produktivität auf schwindelnde Raten steigern, belegt aktuelle Erfahrung, dass sich die Stadt-Land-Disparität vertieft. Die Investitionen fliessen in die Städte, etwa in Hightech-Industrien oder in die touristische Entwicklung.  Die Bürokratie und das Einkommen einer Elite von Unternehmern und Grossgrundbesitzern wachsen.  Die Provinz wird wirtschaftlich vernachlässigt, ihr Mittelstand verarmt. In den Zentren gibt es zwar mehr Arbeit, aber zu Tiefstlöhnen. Die notwendigen Strukturreformen und Investitionen in die ausgleichende Entwicklung bleiben häufig aus. Das Kapital Bildung liegt in elementaren Bereichen brach. Eine umfassende Gesundheitspolitik fehlt. Bildungsförderung und medizinische Versorgung bleiben in der Regel auf dem Land völlig unzureichend. Von Investitionen in die Produktivität der Landwirtschaft und in Markterschliessung profitieren die Mittel- und Kleinbauern in Schwellen- und Entwicklungsländern oft wenig. Die Geburtenrate ist nach wie vor in ruralen Gebieten traditionell hoch. Die verarmende dörfliche Bevölkerung ist daher weiterhin auf Zusatzeinkommen durch Migration oder illegale Geschäfte angewiesen.  





Hausruine am Fuss des Hügels von Ankara-Altindag

Mit mächtigen gelb-schwarz gestreiften Betonsperren hat der Besitzer (oder Besetzer!) den Bau-grund neben den klaffenden Mauern eines zur Hälfte abgerissenen älteren Hauses möglicherweise gegen die Gefahr der Inbesitznahme durch andere Interessenten geschützt. Es ist denkbar, dass ein Unternehmer ein vielleicht einst besetztes Grundstück auch gepachtet oder durch Kauf erworben hat. Die Zone ist für den Betrieb eines Gewerbehofs geeignet, zum Beispiel als Baumaterialienlager, für die Abfallverwertung oder den Schrotthandel. Sie ist nicht mehr als ein paar Steinwürfe vom historischen Zentrum der Republik und dem Reiter-Monument Atatürks entfernt.
    




Aspekte der Dorfstadt auf Ankaras Hügeln

In steilen Hangzonen werden Häuser durch Felsabbrüche und Rutsche zerstört. Aufstei-gende Feuchtigkeit korrodiert die schlecht gebauten Hausmauern, die kaum über zurei-chende Fundamente und Isolationsschutz verfügen. Das zweistöckige Haus, durch dessen Türöffnung eine Bewohnerin eintritt, ist unwirtlich und baufällig; die Mauern ziehen die Feuchtigkeit  hoch und wo der Verputz abblättert, entblösst er ältere Anstriche und Mauersteine. Improvisierte, oft waghalsige  An- und Aufbauten gefährden die Statik.




                                             

Kinder vor Mauerflickwerk

Das Mädchen hüpft vor dem bunten Mosaik alter Bruch- und angefügter Ziegelsteine vorüber. Unter den abgeblätterten Stellen des erhaltenen Verputzstücks liegen ältere Farbschichten bloss. Die Kritzeleien sind lesbar: „Cöp“ bedeutet Müll, das Herz verrät wohl ein kindliches Geheimnis. Der Junge mit dem Comic-Aufkleber auf der violetten Jacke hat Spass, als sich die Kamera ihn und das märchenhafte Farbenspiel verwaschener  Mauergraffitti einfängt, unter denen er gerade vorbeispaziert. 




Hühnerhändlerin und Sohn im Bentderetal

Die Frau hat ihren Standplatz diesseits der Bentderesi Caddesi am Rand  des Altstadt-Quartiers und in der Nähe eines Heiligengrabs aufgeschlagen. Sie kommt zusammen mit ihrem Sohn täglich aus einem Bezirk der Gecekondu Ankaras, um an der vorteilhaften Stelle im Umkreis von Ulus Hühner zu verkaufen, die sie von Bewohnern in ihrer Nachbarschaft billig ersteht. Sie selbst hat keine Gelegenheit zur Hühnerzucht. Der minderjährige Sohn hilft ihr beim Transport und führt Kundschaft her. Sie hockt auf Kartons und hat mit Abfallholz von einem Bauplatz ein Feuer entzündet, um in einem mitgebrachten Samowar Tee warm zu halten. Der Sohn wächst in äusserst ärmlichen Verhältnissen auf. Der Vater hat, wie in so vielen Fällen, keine geregelte Arbeit. 






Altstadt-Quartiere diesseits des Bentdere

Im Hintergrund des wintwerlichen Quartiers ist die Silhouette des Burgbergs wahrnehmbar. Hausteile sind aufgestockt. Aussentreppen führen über Terrassen zu Wohnungseingängen. Die Gecekondu hat sich zwischen renovationsbedürftigen bürgerlichen Häusern eingenistet. Einstöckige Häuser haben dörflichen Charakter. Auf der Quartierstrasse holt die Ambulanz gerade eine alte Frau im Rollstuhl ab.


Zwischen den brennenden Müllhaufen einer Abfalldeponie der Altstadt sucht ein Mann nach Verwertbarem. - Neben einem Gebäude der prunkvollen Gründerzeit-Architektur unweit des Platzes der Nation mündet eine enge Passage zwischen Wellblech-Bauschranken und einem schmiedeisernen Zaun in die Cankiri-Caddesi. In der unscheinbaren Gasse, welche das Zentrum von Ulus mit dem schäbigen Teil der Altstadt verbindet, hat eine Bettlerin Platz genommen. 







Schuhputzer, Strassenhändler und Arbeitsuchende auf dem "Platz der Nation" im Zentrum von Ulus


Der Platz des alten Zentrums der Hauptstadt, auf dem die pompöse Reiterstatue des Gründers errichtet wurde, ist von Historischen Museen, Banken, dem alten Sümer-Konzernsitz und Einkaufszentren gesäumt. Die Architektur der Gründerjahre dominiert. Der speckige Glanz der Fliesen reflektiert den weissen Marmorsockel des Nationalmonuments. Der Platz wird zwar nachts gereinigt. Inzwischen ist er aber wieder von Zigarettenstummeln übersät. Auf niedrigeren Podesten umgibt den Reitergeneral und Staatsgründer das in Bronze erstarrte Pathos von vier Figuren. Sie symbolisieren das Heldentum der Armee und den Einsatz der Werktätigen beim Aufbau und der Verteidigung der Republik. Um das Monument versammeln sich täglich überwiegend junge Männer, welche  Arbeit und Kontakte suchen. Schuhputzer, Eisverkäufer und kleine Leute, die zum Beispiel Occasionsartikel entäussern, und andere, welche Sachen in Tausch geben, finden hier einen Standplatz. Alte Männer, im Winter in dicke Mäntel mit hochgestellten Kragen gehüllt, hocken zu einem Schwatz auf der Gehsteigmauer. 

Der Mörserträger unter dem Atatürk-Reiterdenkmal im Bild aus dem Jahr 2003 gewinnt in diesem Umfeld eine ihm kaum zugedachte Symbolik!

Das Realeinkommen einer Arbeitskraft auf dem türkischen Markt sank zwischen 1991 und 1997 - innert sechs Jahren! - um mehr als die Hälfte. Gegen galoppierenden Kaufkraftverlust praktizieren die Türken bis heute das probate Mittel, ihr Einkommen kurzfristig in den zahllosen florierenden Wechselkontors gegen DM oder Dollars ein- und bei Bedarf wieder umzutauschen. Die schwere Wirtschaftskrise des Landes 2001/2, welche sich zur Zeit des Irakkriegs 2003 vertiefte, verstärkte den Schwund des Realeinkommens und bewirkte, dass die verdeckte und daher landesweit statistisch kaum erfassbare Arbeitslosigkeit dramatisch anstieg.

Neueste Umfragen von 2003 belegten, dass die Schere der Einkommensverteilung sich weiter öffnete. Das Einkommensgefälle zwischen West und Ost sowie zwischen den Bevölkerungsklassen nahm zu und die Armutsgrenze stieg. Um die Mitte des vergangenen Jahrzehnts mussten 48 % der Bevölkerung ihren Lebensunterhalt mit einem Familieneinkommen unterhalb 200 bis 500 Mio.T-Lira (etwa 200 bis 500 SFr.) bestreiten. Die Mindestausgaben einer vierköpfigen Familie allein für Lebensmittel lagen um diese Zeit gemäss einer Studie des Gewerkschafts-Dachverbandes (Türk-Is) auf 421 Mio.T-Lira. Statistisch betrachtet bedeutet das, dass gegen die Hälfte der türkischen Bevölkerung über ein Einkommen unterhalb des Mindesteinkommens und ein schwer bezifferbarer Teil über ein Einkommen an oder unterhalb der Hungergrenze verfügte. In der 15-Millionen-Metropole Istanbul, dem zugkräftigsten Ziel der Landflucht, lagen gemäss einer Stich-Umfrage der Stadtverwaltung die Einkommen von 79,1 % der Bevölkerung unter dem bis dahin gültigen Mindesteinkommen von 450 Mio. T-Lira.

Viele Menschen sind verschuldet. Da die traditionelle Solidarität durch die Säkularisation und die Auflösung der tragenden sozialen Struktur der Grossfamilie in den Ballungsräumen zunehmend ausgehöhlt wurde, tritt die Armut besonders in den Grossstädten offen an den Tag. Die Türkei kennt bisher landesweit keine Arbeitslosen-Versicherung und kein staatliches soziales Netz, das effektiv genug wäre, die wachsende Not aufzufangen und zu lindern. Die Gesundheitsversorgung ist in den weiterhin explodierenden Grossstädten teilweise auch heute unzureichend. In den von Landflucht betroffenen Provinzen -  besonders der Osttürkei - ist sie in entlegenen ländlichen Regionen und selbst in Distriktstädten noch prekär.

Heute (2010) erlebt das Schwellenland Türkei ein überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum. Eine adäquate Einkommensverteilung ist erfahrungsgemäss allerdings nur unter stabilen Verhältnissen garantiert. Nicht alle Bevölkerungsteile werden  vom Wachstum gleichermassen profitieren. Während in der Hauptstadt Ankara Wohnbau- und Sozialprojekte vorangetrieben werden, mangelt es insbesondere in den Provinzen der Osttürkei häufig    an den strukturellen und sozialen Voraussetzungen oder an der politischen Bereitschaft zu Investitionen in die wirtschaftliche Entwicklung.








Arbeitslose unter heroischer Bronze

Auf einem Nebensockel der Atatürk-Reiterstatue steht der spähende Infanterist der Begfreiungskriege.  

Unter dem  Nationaldenkmal  sitzen ein Arbeitsloser im Wintermantel und ein Occasionsverkäufer mit seinem Handwagen auf einer Stufe des Platzes. 





Die wirkungsvollere Werbefläche moderner Betonfassaden

Hinter dem hässlichen Grundstückzaun an der Cankiri Caddesi, der Fortsetzung des Atatürk Bulvari in Ankara-Ulus, erheben sich die sterilen Fassaden frisch errichteter Wohnblöcke. Die fensterlose Werbefront über der rostigen Plakatwand hat die Wurstfirma „Sultan“ angemietet. Das Umfeld  an der Cankiri-Caddesi ist eine der sozial sowie architektonisch spannungsreichen Uebergangszonen. Der Ausfallstrasse entlang zieht sich ein Hotel- und Geschäftsviertel. Zahlreiche Nightclubs oder Musiklokale haben sich im  Hotel-Milieu etabliert. Das Quartier westlich der Strasse wurde schon Anfang des vergangenen Jahrzehnts mehr oder weniger planmässig überbaut. Auf der gegenüberliegenden Seite dringen hinter der Fassade mittelmässiger Hotels schmale Gassen in eine verwahrloste Basarzone der historischen Altstadt ein. Jenseits der Gürtelstrasse ballen sich - für den überraschten Besucher scheinbar grenzenlos und chaotisch - die nördlichen Hügel-Gecekondus Ankaras

                                                                                                              
                                                                                                               

Der Horizont des Gecekondus von Altindag

Hinter einer Hausruine auf der  Altstadt-seite klimmt an den Steilhängen des "Goldbergs" jenseits des  Bentdere-Tals das Gecekondu  hoch.   

Von der  Zinne des "Burgbergs" über der historischen Altstadt öffnet sich Richtung Osten der Horizont  dicht besiedelter  nörd-licher Stadtbezirke. Ueber die Dächer streift das Licht der untergehenden Sonne. 







Das Neustadt-Panorama

Ueber der Altstadt an der Ostflanke des "Burgbergs" schliesst sich in Richtung Südosten und Süden das Panorama der Neustadt mit ihren Reihenhaus- und Wohnblocksiedlungen an. In gerader Linie nach Süden zielt der Blick auf den Atakule in Cankaya (am äussersten Horizont rechts im unteren Bild).

Sonntag, 12. September 2010

Tatsachen und Mutmassungen zu zwei Bildern eines Tages im Juli 1998 (2)




1. Die kleine Kurdin und ihr Idol - Fiktion einer Biographie



Das Konzert mit dem Auftritt einer bekannten Sängerin ist die grosse Abendattraktion einer kleinen Handelsmesse in Tatvan. Das Loch in der eisernen Abschrankung der Openair-Bühne ist die Konzertkasse. Viele Familien benützen den Anlass und ein paar billige Jahrmarktvergnügungen zu einem Corso durch die spärlich beleuchteten Anlagen. Sie umstellen eine der Dönerbuden oder lassen sich in der Teebar nieder. Hinter der blauen Wand wird indessen der Auftritt der Sängerin vorbereitet und das Loch gestattet einen neugierigen Durchblick. Der Flash meiner Kamera schleudert einen spiessigen Glanz auf den Anstrich. Die Sängerin auf dem zerschlissenen, mit Tesa-Kleber aufgemachten Plakat ist für einen Sekundenbruchteil in das ihr zustehende Rampenlicht getaucht. Vergeblich scheint die kümmerlich rot glimmende Glühbirne am schwarzen Bühnenhimmel über ihr gegen die Illusion einer Galaveranstaltung anzukämpfen. Die kleine Diva präsentiert sich in der kleinbürgerlich sittsamen Umgebung indiskret offenbusig. Ihr hautenges Kleid ist tief ausgeschnitten. Auf dem Glanzpapier des Posters schimmert es im Blitzlicht wie Kunststoff oder Luxusleder.


Gerade vor dem Aushang steht in einer Personengruppe ein etwa vierzehnjähriges Mädchen. Seine dunkelblaue Bluse mit dem gelben Rosenmuster korrespondiert recht bieder mit der knallroten Robe auf dem Plakat und dem Glanz der babyblauen Wand. Keck kopiert dagegen die aufgeworfene Ponyfranse über seiner Stirn ihr Modell, die Frisur der Chansonnière.


Was meine Foto ins Licht rückt ist wohl ziemlich taktlos der Neugier des Betrachters ausgeliefert. Die beiden älteren Frauen vor der blauen Wand gehen nach islamischer Vorschrift auf der Strasse “bedeckt“. Das Gesicht der Schwarzgekleideten ist sogar von einem barock gemusterten Schal bis auf die Augen fast völlig verhüllt. Da verstösst nichts gegen die strenge islamische Norm. Das Mädchen mit dem weissen T-Shirt hat sein schwarzes, fülliges Haar zu einem hübschen Rossschwanz gebunden. Die zwei etwa gleichaltrigen Töchter - Freundinnen, vielleicht Schwestern oder Kusinen - sind den Frauen vor der blauen Wand zugewendet. Was beraten die Töchter mit ihren Müttern? Mit der Gruppe warten zwei Knaben, wahrscheinlich die jüngeren Brüder, ungeduldig neben dem Kassenschalter. Der Grössere blickt neugierig - vielleicht sogar etwas herausfordernd - zur Kamera. Sein gestricktes Wollhemd ziert ein traditionelles kurdisches Rautenmuster.


Die Familien sind, nach der Art ihrer Bekleidung zu schliessen, möglicherweise von einem der umliegenden Bergdörfer in die Kleinstadt umgesiedelt. Die Mütter könnten noch zur Mehrheit ländlicher Frauen Ostanatoliens gehören, welche nicht einmal die Grundschule absolviert haben. Falls die Annahme zutrifft, dann wären sie wie so manche kurdische Dorffrauen Analphabetinnen. Ihre Töchter und Söhne haben in der Stadt weit eher die Chance nicht nur fünf Grundschuljahre, sondern sogar die dreijährige Ortakoul, die Mittelschule, zu besuchen. Tatvan ist immerhin eine geschäftige Markt- und Handelsstadt, welche sogar über höhere Bildungseinrichtungen wie das öffentliche Lisé und private Schulen verfügt.


Am heutigen Abend sind die beiden Töchter mit ihren Familien im Ausgang. Der Messetag ist eine selten glückliche Gelegenheit. Wir wollen annehmen, dass die Teenager ihren harmlosen Wunsch durchsetzten, den Jahrmarkt und mit Kolleginnen zusammen das Konzert der Sängerin zu besuchen. Unter Begleitung und Obhut der Mütter, versteht sich.


In dem Spannungsfeld vor dem Plakat liegt für den Betrachter die Frage nahe: Werden sich wohl die Töchter wie schon ihre Mütter dem traditionellen Rollenbild unterziehen, sobald sie mit dem Grundschulabschluss das vorgeschriebene Alter erreichen? Die Tochter mit der kecken Stirnfranse dürfte wie ihre Freundin oder Kusine im T-Shirt bald vor der Entscheidung anlangen. Werden sie sich frei entschieden haben, wenn sie ihr Haar, wie die Tradition vorschreibt, verhüllen und das lange Mantelkleid anziehen?


Geben wir dem Mädchen mit der Stirnfranse unter dem Plakat einen Namen! Wie gross ist die Chance, dass Zahide die fünf Jahre der Grundschule absolviert? Dass sie wenigstens türkisch lesen, schreiben und rechnen lernt? Manche Mädchen und selbst Knaben ihres Alters in den Bergdörfern haben nie eine Schule besucht. Zahide könnte zu ihnen gehören, wäre die Familie nicht - vielleicht unter widrigen Umständen - aus dem abgelegenen Dorf nach Tatvan gezogen. Die staatliche Grundschule ist schlecht ausgerüstet und die private wäre für die Familie wohl zu teuer. Da Zahide mehrere Geschwister hat und die Ausbildung für die Eltern nicht so wichtig ist wie der Verdienst zum Unterhalt der Familie, ist die Vorstellung einer abgeschlossenen Grundschulausbildung wohl nur halbwegs realistisch. Gesetzt den Fall, Zahide werde wenigstens drei oder vier Jahre die Schulbank gedrückt haben, so zählt sie trotz bescheidener Kenntnisse nicht mehr zur traditionell beträchtlichen Gruppe der Analphabetinnen. Sie hat etwas Geschichte, Haushaltkunde und sogar Weben gelernt. Es sind gewiss gute Voraussetzungen für eine Heirat.


Unter den bis in das gegenwärtige Jahrzehnt herrschenden Umständen ist in Ostanatolien statistisch gesehen die Wahrscheinlichkeit, dass Zahide die Grund- und Mittelschule absolviert, bei weitem nicht so hoch wie im Landesdurchschnitt. Während des erbarmungslosen Kriegs, welcher das Land zu der Zeit bedrückte, als die Aufnahme entstand, war sie noch um einiges geringer als heute. Die Wahrscheinlichkeit, dass Zahide nach ihrer Grundausbildung an der staatlichen Schule mit etwa 15 Jahren zwar keinen Vollschleier, aber doch das Kopftuch und ein Mantelkleid trägt und dass sie ausserdem früh eine von den Eltern arrangierte Heirat eingeht, ist höher einzuschätzen als eine Schulkarriere. Es bleibt aber anzumerken, dass ausreichendes statistisches Material fehlt, um Annahmen über den regionalen Bildungsstand und die Bildungschancen von heute genau zu belegen.





2. Disput im Laden eines alten Teppichhändlers



Am gleichen Tag, an einer staubigen Strasse, die zum sumpfigen Niemandsland hinter dem Seedamm hinunterführt, hocken zwei Männer auf einem alten Teppich, den sie vor dem Ladeneingang ausgebreitet haben. Ihre Aufmerksamkeit für mich, der aus Interesse die kleine Bude betreten hat, wird durch einen jungen Mann abgelenkt, der kurz nach mir hereinkommt, eine beige-weiss gemusterte Jacke von einem Balken fingert und einen Streit um den Preis anzettelt. Ein dritter Alter, den ich vorher nicht gesehen habe, stellt sich unter die Türe und verfolgt den Handel.


Der Beobachter stützt sich mit beiden Händen an den Türrahmen, dessen graue Farbe abblättert, und schaut mit horchend vorgeneigten Kopf in den Raum hinein. Ich sehe seine Silhouette gegen das Tageslicht und erkenne deutlich den auf den Wortwechsel gerichteten Blick der dunkeln Augen unter den buschigen Brauenhöckern. Sein Haar ist unfrisiert. Die Mütze hat er nach hinten gedrückt. Unter der scharfkantigen Nase wuchert ein Schnauz. Wie bei einem, der angestrengt lauscht, ist sein Mund halb geöffnet. Der stumme Zuhörer, auch er, schenkt mir keinerlei Aufmerksamkeit. Seit der junge Mann den Laden betreten hat, fühle ich mich so wenig beachtet, als ob ich inzwischen unsichtbar geworden wäre. Was habe ich bei diesem Handel noch zu suchen? Ich habe es leicht aus der Tür zu schlüpfen. Für einen Augenblick hält mich etwas davon ab. Es ist die Veränderung der Stimmung im Raum und die Anspannung im Gesicht des alten Kurden in der Türe.


Der Teppichhändler presst die fünf Finger seiner leberfleckigen Hand auf die Herzgegend. Die rhetorische Gebärde will seine Wahrhaftigkeit bekräftigen. Der junge Mann hat indessen einen Arm gegen ihn ausgestreckt und die Rechte auf die Ellbogenkehle des Alten gelegt. Mit dem Daumen umfasst er dessen Unterarm und dabei drückt er seine Augenlider zu. “Hör mal auf, was du sagst, ist überhaupt nicht wahr“, scheint er sagen zu wollen und sein zugespitztes Argument sitzt auf der Zunge. Die linke Hand hält mit abgespreiztem kleinen Finger die strittige Jacke hoch. Die Hände des jungen Mannes sind feingliedrig und gepflegt, keine Spur deutet an, dass er sie zu handwerklicher Arbeit benötigt. Seine Stirn ist frisch poliert, der Hals im Ausschnitt des T-Shirts sauber. Die Rasur des Kinns und des kurzgeschorenen, über den Ohren militärisch kahlen Kopfs lässt keine Beanstandung zu. Sein Schnurrbart ist bloss angedeutet, scheint aber markant über die Mundwinkel zur Kinngrube hinunter verlängert. Er unterscheidet sich durch dieses Merkmal von den graustruppigen kurzen Schnäuzen der zwei Gesprächspartner.


Die Musterung des weinroten Teppichs auf der billigen Tapetenwand verrät kaum nomadische, sondern bürgerliche Herkunft. Ein Kaukasier? Die Frage scheint mir belanglos. Teppiche sind Handelsgut, der Handel ist weit verzweigt. Der Absatz ist gegenwärtig schwierig, der Tourismus ist in Ostanatolien seit Jahren ausgeblutet. Der Export steckt in einer Krise. Die Preise sind zusammengebrochen. Die Abnehmer in Europa setzen kaum mehr auf die traditionsreichen Namen; der Wein aus den alten Schläuchen wird bitter. Auf welche Karte setzen die beiden hageren Händler? Auf die Rückkehr der Touristen? Auf die neue Initiative des Ministeriums nach der mit erbitterter Konsequenz und Kriegsglück errungenen Befriedung? Sie wissen, dass staatlich geleitete Manufakturen aufgebaut werden, welche junge Teppich-Knüpferinnen ausbilden und nach neuen, exportorientierten Produktionsnormen beschäftigen.


Es gibt zu dieser Szene nicht mehr zu sagen. Ich habe an diesem einzigen Tag Dinge gesehen und gehört, die vielleicht bemerkenswerter wären. Trotzdem halte ich den Auftritt fest. Etwas scheint mir an ihm nicht ganz zu stimmen. Mit der touristischen Klischeevorstellung von Basarromantik hat die Szene überhaupt nichts gemeinsam! Schon gar nicht unter den zur Zeit, als die Aufnahme entstand, in Ostanatolien herrschenden Umständen.


Es kann Gründe geben, dass Gespräche abbrechen. Über sie redet man nicht, ein Wink der Augen oder das Verstummen sagt genug. Es gab sie auch, solche Gründe, am selben Tag. Da hatte nur jemand, offensichtlich etwas zufälliger als gewöhnlich, einen Laden betreten und es herrschte dicke Luft. Beim Betrachten des Bildes ist darum der dunkle Blick des stummen Zuhörers im Türrahmen zu erinnern, der auf meiner zweiten Fotografie im Gegenlicht nicht aufzuhellen war, ohne dass die Gesichtszüge zunehmend erloschen. Sie haben sich dafür dem Gedächtnis in einer Weise eingeprägt, wie sie eine Fotografie nicht festhalten kann. Die Augen aus dem zerfurchten grauen Gesicht waren unablässig auf den smarten „Kunden“ mit dem affektiert ausgestreckten kleinen Finger gerichtet, der über den Preis einer Jacke stritt oder vielmehr einen Streit inszenierte, bei dem er seine zynische Herablassung ausspielen konnte.


In Erzurum lernte ich einmal einen ehemaligen Soldaten kennen. Er war etwa 25 Jahre alt und betrieb im Bazar einen kleinen Juwelierladen, für den er eine hohe Miete zahlen muss. Er berichtete über die schwierigen Lebens- und Arbeitsbedingungen und erwähnte bloss, dass er viel gesehen hätte, bevor er, nach seiner Entlassung, das Geschäft eröffnen konnte, um den Lebensunterhalt für sich und eine kleine Familie zu sichern. Ich vergass ihn zu fragen, ob ich ihn fotografieren dürfe. Das Bild hätte ich ihm gerne geschickt. Doch seine Augen erzählten das Unsagbare und zu sagen Verbotene so, dass ich es nicht vergesse. Diese Begegnung wollte für eine Bazarszene, wie sie tausendundeine Foto festbannt, ebenso wenig hergeben wie der Disput im Laden des alten Teppichhändlers. Sie hatte mich, den Fotografen, festgebannt.


Es bleibt nachzutragen: Als diese Aufnahme entstand, herrschte in Ostanatolien noch Krieg. Ueber die kurdischen Provinzen war der Ausnahmezustand verhängt. Inzwischen ist er aufgehoben. Partiell mindestens, bleibt zu ergänzen. Ob  i c h , der ausländische Besucher, den alten Teppichhändlern damals den ungebetenen Gast ahnungslos zugeführt habe? Ich vermute es, doch kann ich es nicht mit Gewissheit sagen.







Samstag, 4. September 2010

Ankara 1/2 Die zentrale Achse

Perspektive Ankaras: Abbild der nationalen Disparität



Die Achse zwischen Ulus-Altindag und Cankaya




                         



Beim Atatürk-Reiterdenkmal auf dem Regierungsplatz in Ankara-Ulus


Der türkische Marmor ist spröde und porig. Der pompöse Sockel des Reiter-Denkmals ist vom Ankara-Smog angewittert. Die in seine Flanken eingesenkten Reliefplatten glorifizieren in der perspektivischen Manier klassischer Bildchronik - Urvorbild Assurbanipal! - den Kraftakt der Befreiungskriege: das siegreiche Vorrücken der Angriffsreihen in der Schlacht, die unbeirrbare Order des obersten Feldherrn. Auf einem separaten kleinen Sockel posiert der türkische Infanterist. Gerüstet mit deutschem Stahlhelm, Handgranate, Munitionstaschen, Repetiergewehr und aufgesetztem Bajonett reisst er seine Truppe erhobenen Arms zum Angriff. Der in Bronze erstarrte Kampfgeist des Befreiungskriegers soll den Geruch und Lärm der Schlacht evozieren: Schweiss, Pulverrauch, Knattern, Tosen, Bellen von Stahl und Blei.


Die schmierigen Fliesen des Nationalplatzes rund um das Monument sind mit Zigarettenstummeln übersät. Auf dem Kapitell gurren Tauben, spähen nach Kürbiskernen und Bretzelkrümeln. Am Fuss des Monuments, an die Kante des hässlichen Granitpodests gelehnt, hockt ein Schuhputzerkönig auf seinem niedrigen Schemel. Die Messingknaufe seines „Fussthrons“ sind blank poliert. Er trägt einen schwarzen Wintermantel mit dickem Kragen. Der Zottel seiner schwarzen Mütze hängt schief nach vorne und macht aus dem König einen Jakobiner. Es ist ein schlechter Tag - für ihn wie für die Tauben. Die Kälte beisst. Er hat eine Zeitung unter den Hintern geschoben. Die wenigen Passanten schauen mit gesenkten Köpfen vor ihre Fussspitzen. Die Hände stecken in ihren Manteltaschen. Die Finger der Rechten spielen mit der darin verborgenen Gebetskette. Die Rechte des Jakobiner-Königs zupft an seinem kurdischen Schnauz. Er hat die Mütze tief über die Stirn gezogen und ist in ein halb maliziöses, halb deprimiertes Brüten versunken.


Um den Nationalplatz, das Zentrum der Neu-Altstadt, versammeln sich die Mausoleen der Gründerzeit. Hier ist der historische Tagungsort der Nationalversammlung, der beflaggte düstere Saal mit den Schulbänken, in welchen die versammelten Gründerväter die Verfassung der Republik - des kemalistischen Erzieherstaats - in Kraft setzten. Ein Museum heute, osmanische Villa, recht unscheinbar im Vergleich zu den Bankpalästen im protzig-klassizistischen Stil jener Epoche.







Der Atakule am anderen Ende von Ankaras Plan-Achse



Vom Platz, den das Reiterstandbild des Revolutionsgenerals dominiert, zielt der Atatürk-Bulvari abgesehen von ein paar topografisch bedingten Abweichungen plangerade Richtung Süden. Er zerschneidet, von eisernen Trippelstegen für das Fussvolk übersprungen, den modernen Geschäftsbezirk Kizilay. Auf den Stufen der unter den Tritten klingenden Stege sitzen die Bettlerjungen. Vom Zentrum Kizilays, im Kreuzpunkt mit dem geschwungenen Mustafa Kemal Bulvari, strebt die Hauptachse, von Ministerien, Botschaften und Grünanlagen flankiert, durch den Regierungsbezirk ansteigend genau auf die historische Residenz des Präsidenten zu. Die Atatürk-Villa liegt mitten im erfrischenden Grün der Hügel von Cankaya.


Zwei Hauptstrassen, die Cinnah- und die Cankaya-Caddesi, münden von Südwesten in den Atatürk-Bulvari - die eine in Kavaklidere, die andere an dessen Ende. Zwischen ihren weit ausschwingenden Schenkeln liegt, droben auf der luftigen Höhe von Cankaya, der botanische Garten. Wo die beiden Zweigstrassen zusammenstossen, genau im spitzen Kreuzungswinkel über seinen exotischen Gewächsen, steht der Atakule. Wie eine blanke Mörserkeule überragt er Ankara, den Blick von überall auf sich ziehend, die ganze Stadt durch die Wabenzellenfenster seiner Drehkugel observierend.


Von der Drehterrasse des Atakule noch deutlich erkennbar sind das Ankara-Hilton und das Sheraton-Hotel, die Türme von Kavaklidere. Schon fern und klein, fast verschwindend, sind Büyük Ankara und der Business Center Tower in Kizilay wahrnehmbar und am Horizont schiesslich Ulus mit dem Burgberg. Und hinter dem Ende der sieben Kilometer langen, nach dem Uebervater benannten Achse sind, in rasender Verkürzung, der Altindag und die von fern winkenden Hügel der grenzenlosen Gecekondu auszumachen. Ueberschaubar alles von Atakule, dem Vaterturm: sein Name ist eine weitere Referenz. Kommunikationszentrale und Aussichtsturm in einem, vereint er in seiner per Schnelllift erreichbaren Glassphäre das „Ufo“-Café, das Karussell-Restaurant „Sevilla“ und das luxuriöse Dome-Restaurant unter seiner Kuppel. Der Turm, zufällig im Wendejahr 1989 eröffnet, ist wohl eine Selbstbestätigung und zugleich Reverenz gegenüber dem politischen Vorbild und Konkurrenten Europa. Wir fragen zwanzig Jahre danach: Welche Türkei repräsentiert der Turm? Wir suchen umso skeptischer nach einer Antwort, als wir uns selbst über unsere europäische Identität - sowie den Herrschaftsanspruch der euro-amerikanischen Kultur im globalen Horizont  -  nicht mehr so ganz einig sind.








Anatolisches Dilemma



Ankara wurde 1923 durch die Initiative Atatürks zur Hauptstadt der eben gegründeten Republik erkoren. Die rigide Ausrichtung der Haupt-Verkehrsachse und die durch sie gewonnene stadtarchitektonische Symmetrie symbolisieren den durch die Verfassung der Republik bekräftigten Willen zur politischer Einheit, zur Zentralisierung der Macht. Altindag und Cankaya - im Kontrast zwischen den von Wohnarmseligkeit überwucherten Gecekonduhügeln, welche die Neu-Altstadt Ulus („Nation“) umgürten, und den elitären Park- und Villenvierteln um den neuen Regierungsbezirk, auf den Anhöhen am anderen Ende der Achse, manifestiert sich der durch die Entwicklung eines Jahrhunderts begründete Widerspruch. Der politische Wille zur Integration der sozialen und ethnischen Minderheiten und die Realität der türkischen Gesellschaft klaffen bis heute auseinander.


Der „Schuhputzerkönig“ mit seiner „Jakobinermütze“, wahrscheinlich ein kurdischer Migrant aus der Gecekondu am Altindag, hat seinen Standplatz unter dem Denkmal der Republik auf dem „Platz der Nation“ bezogen. Sein „Tresor“, der mit schön-getriebenen Messingbeschlägen dekorierte Wichse- und Bürstenkasten, wirbt für sein Geschäft, das ihm täglich ein paar lumpige Lira-Noten einbringt. Von diesem König Ohneland - er verfügt wohl über eine nationale identität, ist aber aus seiner eigentlichen Heimat emigriert - ist öffentlich wenig die Rede. Ihm fehlt das Aufsehen erregende Image. Sein Leumund vor den Hütern der Nation war lange genug lausig. An seiner traurigen Gestalt, am schwarzen Stoff seines Mantels haftet immer noch der Geruch der Untreue, des kollektiven Verrats.


Der türkische Sänger TARKAN auf dem haushohen Poster unter dem Atakule dagegen, Träger des World-Music-Awards, ist ein zeitgemässes Idol. Die Pop-Grösse internationalen Formats, in den USA und in Deutschland zuhause, hat sich als lässiger Bagpacker, Jeansträger und Strandläufer mit seinem Song-Motto „Oezgürlük icinizde“ zu einem Millionenhonorar in die Werbekampagne der türkischen Telecom-Gesellschaft TURKCELL einspannen lassen. Er mimt eine romantische Gegenfigur zum blutrünstigen Protagonisten im Film „Tal der Wölfe“. In seine Märchenbraut verliebt, wandert er durch Steppen, stapft er durch Schneegebirge und Sand. Durch sein Zauber-Handy ist der schwarzbärtige Bagpacker selbstverständlich in tödlichsten Einsamkeiten immer erreichbar, nach Wunsch immer mit seiner Schönen verbunden. Der Oezgürlük-Held ist eine so abenteuerlich-modische wie unverbindlich- allverbundene Version des anatolischen Binnenmigranten!


Doch: Der Popmusiker hat sich wegen seiner Aufmachung und seinen unkonventionellen Auftritten mit dem konservativen Establishement seiner Heimat überworfen. Auch er. Sein Ohrring war als feminin verrufen, bevor er auch in der Türkei „hip“ wurde. Eine in der Presse aufgepfefferte Affäre um seine angebliche Homosexualität, zu der er sich aus Image-Gründen öffentlich nicht bekennen dürfte, belastete sein Verhältnis zur türkischen Oeffentlichkeit. Die Devise „Oezgürlük icinizde“ - die Freiheit ist in uns drin / in unserem Innern “ - trifft im türkischen Gehör auf eine spezifische Sensibilität. Seine Karriere gestattete Tarkan die Veräusserlichung aller denkbaren Wunschträume, es fällt dem Emigranten daher nicht schwer, sich platterdings - gegen die in seiner Heimat durch Tradition und Erziehung aufgezwungenen Tabus - zum Lebensstil der USA zu bekennen: „Ich mag die Freiheit; man kann (in den USA) sagen, was man will, tragen, was man will, und sein, wer oder was man sein will.“


Der Pop-Sänger erkaufte sich nach einem Konflikt um seine Wehrdienstpflicht durch Zahlung von 16' 000 Dollars die Verkürzung des Militärdiensts auf einen Monat. Der Krieg gegen die PKK kam zu der Zeit vorübergehend zum Stillstand, die Sache liess sich in Unschuld regeln und Tarkan publizierte im Ausland seine Platte „Karma“.


Der Migrant aus Not am anderen Ende der sozialen Skala, der kurdische Schuhputzer unter dem Reiterdenkmal, hat sich mit sich selbst und seinem Schicksal - generationenlanger wirtschaftlicher Vernachlässigung und Unterdrückung seiner Sprache, seiner kulturellen Heimat - überworfen und ist in die Hauptstadt emigriert. Auf dem Platz der Nation (auf der Strasse also, wenn auch auf „privilegiertem“ Pflaster) erwirtschaftet oder erharrt er sich einen unsicheren Taglohn. Was kann e r mit Tarkans vagem Freiheits-Motto und leicht erkauften Freiheit anfangen? Man möchte sich mal gern einbilden: mehr als der durch vertragliche Obligationen und Imagepflege gestresster Popsänger selbst. Doch hätte  e r  etwa wie blasierte Tarkan-Freaks Ursache sein Selbstgefühl aus romantischer Entsagung zu ziehen? Mit einer bürgerlichen Jeunesse Dorée Ankaras oder Istanbuls, der das Argument sound-musikalisch bestechender Performance ausreicht, um eine missverständliche Devise und inhaltlich anspruchslose Songtexte zu vergöttern, hat die Welt der grossen und kleinen Schuhputzer-Migranten wenig gemeinsam.


Welche Interessengruppen finanzieren diskret ihre poppige Image-Pflege auf den Werbeflächen und Werbe-trägern rundum? Den grossen Fisch hat mit e i n e m Werbe-Wurf der Konzern an Bord gezogen: TURKCELL. Tarkans Honorar ist im Vergleich dazu nicht mehr als ein Handkuss. Welchem Schuh gilt der Mundkuss der jungen Türkin auf dem andern haushohen Poster unter dem Atakule? Das auf Tarkans Namen kreierte Parfum würde mit der Slimline-Mode von TWIGGY charmant harmonieren. Gewiss hat sein Song „Kuss-Kuss“ bei der jungen Generation eingeschlagen. Trotzdem bleiben überm Knie nach oben schlüpfende Röcke in der Türkei tabu. Darum fasst „Terteks Tekstil“ in der Türkei vorläufig mit Twiggy-Schuhwerbung Fuss: der bunte leichte Sportschuh aus Segeltuch oder Softleder, der weder Bürste noch Wichse mag, ist trendig. Und OPEL? Der Konzern wirbt in Cankaya für schwungvolle Mobilität mit dem neuen VECTRA, der allerdings, auch in der Türkei zusammengesetzt, nicht die „türkische Wende“ einer 360 Grad-Drehung nach links und rechts schafft.


Die smarten Konsumidole unserer Zeit verdrängen die heroischen Ikonen der Gründerzeit. Deren Wadenbandagen und Hartlederstiefel gehen zusammen mit dem martialischen National- und Freiheitsgeist der Revolution und einer Reihe gezöpfter Strafrechtsparagrafen langsam ins Arsenal der Geschichte ein. Zwar schickt es sich gut mit strammer Haltung Einheit zu propagieren. Doch niemals lässt sich Einheit - so wenig wie Demokratie - mit Gewalt aufzwingen, jedenfalls nicht solange die Voraussetzungen, welche die Bürger in die Lage versetzen von ihren Freiheitsrechten Gebrauch zu machen, noch so ungleich verteilt sind. Gegenwärtig scheint sich allerdings die Erwartung zu bestätigen, dass die moderne Türkei sich solche Einsicht unter der Regierung Erdogan zunutze machen will - wohl zu ihrem Vorteil. Mehr als 50 % der türkischen Staatsbürger stimmen nach einer Umfrage einer Friedensinitiative und kulturpolitischen Oeffnung gegenüber dem kurdischen Bevölkerungsteil zu, mehr als 60 Prozent lehnen die rigide nationalistische Haltung der Republikanischen Volkspartei (CHP) ab. Zahlenverhältnisse sind labil, Statistik trügt.


Die Initiative der Regierung gegenüber der kurdischen Opposition ist offenbar Teil eines umfassenden politischen Konzepts, das alle kulturellen Minderheiten einschliesst und auch eine aussenpolitische Neuorientierung einleitet. Die Türkei eröffnet gleichzeitig mit ihrer innenpolitischen Friedensinitiative Verhandlungen mit der Regierung der armenischen Republik. Ziel ist die Beilegung des verfahrenen Konflikts, welcher nach dem Krieg zwischen Armenien und Aserbeidschan und der armenischen Besetzung Berg-Karabachs die Schliessung der Grenze auslöste. Vorgesehen ist sogar ein „Dialog mit historischer Dimension“ über die komplexen Fragen um den historischen Völkermord von 1915/18. Eine definitive Einigung ist von einem Vertrag allerdings kaum zu erwarten. Die Lösung der politischen Probleme wird Zeit beanspruchen, viel Zeit, denn es sind tiefe Wunden auszuheilen. Die Zerwürfnisse sind überdies von einem kultur-politischen Konflikt unterlagert, welcher noch nicht ausgetragen ist.


Das politische Klima in der Türkei ist labil und die republikanische Opposition weiss die Stimmung zu nutzen. Die Intoleranz der Bevölkerung gegenüber Angehörigen nicht-islamischer Glaubensbekenntnisse und Kulturen ist gemäss neuer Umfragen beunruhigend hoch - eine Folge jahrzehntelanger nationalistischer Indoktrination und mangelnder Förderung des Dialogs. Immerhin bedeutet das Resultat der Umfrage zur Initiative der islamistischen Regierung nicht, dass eine Mehrheit der türkischen Bevölkerung einer islamistischen Politik den Vorzug gibt oder gar ein Regelwerk zur Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens im Sinn eines Islams strengerer Observanz vorbehaltlos anerkennt. Die Tradition steht heute zur Debatte, sittlicher Anstoss treibt sie an, wie das Beispiel Tarkan belegt. Heftig Anstoss erregte der international prämierte Song „Kuss-Kuss“ des Pop-Barden. Die Verse an eine „verzogene“ Schöne, welche mit ihm - dem türkischen Mann - spielt oder ihn auf eine irritierende Weise ignoriert, treffen in diesem Fall wohl einschlagend den Nerv eines in Gang geratenen Diskurses über die Geschlechterbeziehung (verkürzt und in verknappter Fassung zitiert):



Bin darum, denk ich, so verknallt in dich,

Weil du mir nicht gehören willst …

Haben wir es so von unseren Vätern gelernt?

Ja, wir haben uns vor allen blamiert.

Bräuche greifen im Dorf um sich!

Freunde, wir sind aufgeschmissen.



Der Gedanke drängt sich auf, dass Tarkan wegen angeblicher Homosexualität in Verruf gebracht wird, weil sein Song die „Blamage“ des Mannes durch eine emanzipierte Frau öffentlich macht. Dass gerade  e r , durch solchen Verruf belastet, frei ist, die selbstgefällige Männerdominanz blosszustellen, liegt auf der Hand. Nur: Sein Nonkonformismus ist in einer patriarchalisch verfassten Gesellschaft und unter den Argusaugen von Hütern einer starr kodifizierten islamischen Moral auch anfechtbarer. 

Atatürk hatte, seiner Zeit vorgreifend, der Frauenemanzipation den Weg gebahnt. Doch die islamische Reaktion nach Atatürk bewirkte eine nachhaltige Spaltung der türkischen Gesellschaft. Diese lässt sich heute möglicherweise nur durch eine Veränderung überwinden, welche tiefer greift, als sie den Bewahrern der Republik vorschwebte, nämlich: die Emanzipation vom Konzept des Vaterstaats. Könnte es sein - die Umfrage über eine Politik zugunsten der Minderheiten scheint die Auffassung zu bekräftigen -, dass ein erstarkender Teil der türkischen Bevölkerung nicht mehr einheitshörig sein will? In anderen Worten: dass die Türken diesem   e i n e n  , welcher bis heute ihre Einheit definierte, nicht mehr widerspruchslos zugehören (und zuhören!) wollen? Der „lange Abschied von Atatürk“ ist wohl wirklich im Gang, allerdings letztlich auch nicht in einer Weise, wie ihn sich die Gründer der islamistischen Partei wünschen. Das Outcome des Prozesses ist ungewiss.


Auf den Fensterscheiben der Terrasse über dem Drehrestaurant in der Glaskugel des Atakule verbietet ein Kleber das Fotografieren. Die Umgebung ist geheimdienstlich hochsensibel. Keinen Kilometer entfernt vom Aussichtsturm ist der Regierungssitz. Unweit befinden sich zum Beispiel die englische oder die indische Botschaft und die Ministerien sind in Sichtweite. Wer im Regierungsbezirk fotografiert, wer einen geeigneten Standplatz sucht, um etwa das Justiz- und das Verteidigungsministerium auf  e i n  Bild zu bringen, wird vor den Kadi gepfiffen. Die Gefahr terroristischer Attentate ist ein verständlicher Hintergrund verschärfter Ueberwachungsmassnahmen. Sie könnte aber unter widrigen Umständen  als Vorwand zur Verewigung eines Apparats dienen, welcher die Sicherung der bestehenden Ordnung gewährleistet. Gegen dieses Risiko verspricht nicht allein der von oben vorsichtig in Gang gesetzte  Dialog, sondern ebenso die allgemeine geistige Unruhe und der spontan ausgelöste Diskurs Wirkung. Solange tragende Visionen fehlen, ist es  wohl schwierig, unverkrampft die Mitte halten.

Von der Zinne des Burg-Bergs öffnet sich der Blick auf die andere, die anatolische Türkei. Ein schier grenzenloser, ein faszinierender und zugleich - angesichts der landesweit zu lösenden Aufgaben - bedrückender Horizont.













Visionen und Widersprüche entlang dem Atatürk-Bulvari












Twiggy Schuh-Kuss, architektonische Exzentrik und eine Bettlerin in Ankara-Kizilay



Das Riesenposter unter dem Atakule repräsentiert den Schuh-Kuss in Rot-Blau. In Kizilay wirbt dasselbe Motiv in Gelb-Rot. Goldgelb ist die Aura und von samtenem Rot der Mogul, auf dessen Sohle die Lippen zielen: ASH SHOE, der Damen-Camper, ein sportiver Sneaker aus weichem Kalbsleder und perforierter Veloursledersohle. Die Twiggy-Reklame auf einer Hauswand am Gazi Mustafa Kemal Bulvari setzt in Ankara die Messlatte für internationales Markenformat. Die Köpfe der zwei Passanten im Vordergrund wären, würden sie nicht auf einer Brücke, sondern unmittelbar unter dem gigantischen Poster vorbeigehen, winzig.


Im Zentrum Kizilays, an der Kreuzung des Atatürk- und des Gazi Mustafa Kemal-Bulvari, kreierte architektonische Exzentrik ein postmodernes Warenhaus. In seinen vertikalen oder dreidimensional in Schräge gekippten Fensterfronten spiegelt sich die Geschäftswelt. Die Finanzgruppe hatte sich mit dem kühnen Projekt um die Zeit der Krise nach 2000 übernommen. In Kizilay, auf dem Platz um das Begendi-Magasin, prallen die Haupt-Verkehrsströme organisiert zusammen. Alles ist, von der Architektur reflektiert, im Fluss.


Auf den Pflasterquadraten einer stillen Nebenstrasse des gepflegten Regierungsbezirks im Umkreis von Kizilay und Kavaklidere hockt vornüber gebeugt eine Bettlerin. Mit einem weissen Baumwolllaken bedeckt sie Kopf, Körper, Arme und das tief zum Pflaster heruntergesenkte Gesicht.







Das Gericht von Ankara-Ulus



Menschen eilen über die Brücke, welche neben dem Areal des Respekt gebietenden Ulus Adliye den Atatürk Boulevard überquert. Ein einzelner Mann wartet - vielleicht ratlos - unter dem massiven eisernen Geländer. Er hat die in bäuerlichen Regionen typische Ruhehaltung eingenommen: die Hocke. Sie demonstriert, dass er eine bestimmte oder unbestimmte Zeit lang wartet, während die Passanten in gewohnter städtischer Hast mit einem bestimmten Ziel im Kopf vorbeilaufen. Die meisten - kleine Beamte, Laden- oder Kontorinhaber und Angestellte - eilen wohl gerade zu ihrem Arbeitsplatz.

In den Sälen des riesigen Kubus tagen und vertagen sich ununterbrochen Gerichtsverfahren. Prozessakten werden in Dutzenden von Kontoren registriert und verwaltet, wo Parteien und Anwälte Protokolle einsehen, sich über Resultate polizeilicher Ermittlungen, Fortschritte von Verhandlungen oder anstehende Termine orientieren können. Von imponierendem Mauerwerk umschlossen arbeitet hier die in der Metropole so wenig wie in der Provinz von der Exekutive wirklich unabhängige Autorität der Richter in ihrer grauen Robe mit dem scharlachenen Kragen. An den Ecken der Schranken, welche die Angeklagtenbank einschliessen, sind vier bewaffnete Gendarmasoldaten postiert. Sie symbolisieren die Präsenz der Staatsmacht. Deren Einfluss auf Gerichtsverfahren und Gesetzesinterpretation ist gross. So erfolgt die Normen-Ueberprüfung von Verordnungen und Gesetzen durch ein Verfassungsgericht auf Antrag der politischen Instanzen. Und wenn Staatssicherheits-Gerichte bis heute nach ihrem Ermessen Fälle auf der Grundlage des Einheits-Artikels 143 an sich ziehen, dann ist der Grundsatz der Meinungsfreiheit in Frage gestellt.


Eingreifende Neuerungen auf der Ebene des Straf- und Zivilrechts sind heute im Gang. Der Türkei fällt es im Rahmen der von der EU angemahnten Straf- und Zivilrechtsreform besonders schwer, sich - von traditions- und gruppenrechtlichen Vorstellungen abstrahierend - zu individualrechtlichen Prinzipien durchzuringen. Welche Probleme es im Hinblick auf die Umsetzung neuer Rechtsnormen zu berücksichtigen gilt, zeigt zum Beispiel die Umständlichkeit einer juristischen Regelung des sogenannten Jungferntests. Nur mit Not konnte 2004 ein Gesetzes-Antrag islamistischer Abgeordneter zurückgenommen werden, welcher Ehebruch als strafbar erklärt hätte. Dass der Staat in den Schlafzimmern seiner Bürger nichts zu suchen habe, war ein liberales Argument, das sich weit in die Oeffentlichkeit hinein Gehör verschaffte. Die Gleichstellung von Mann und Frau im revidierten Ehe- und Scheidungsrecht ist nun immerhin theoretisch gesichert. Dass das Strafrecht strafmildernden Umständen in Fällen traditionellen Ehrenmords nicht mehr Rechnung trägt, ist als ein bedeutender Fortschritt zu werten. Doch nimmt die Verfahrensordnung in anders gelagerten Straffällen generell immer noch zu wenig Rücksicht auf soziale und psychologische Hintergründe eines Vergehens.





Schreibstube beim Gericht von Ankara-Ulus


Der Atatürk-Bulvari wird von zahlreichen Fussgängerbrücken überspannt. Darunter gibt es einzelne moderne, von Glastunnels überdachte Metallkonstruktionen. Diese eleganteren Design-Brücken sind grün gestrichenen; allerdings sind sie so wenig für Invalide eingerichtet wie die unbedeckten Ueberführungen in Kizilay. Ueber ihren Treppenaufgängen sind in der Nähe des Gerichts kleine Räume für private Schreibkontore ausgespart. Kläger und Angeklagte, vor allem zugezogene Bewohner der nahen Gecekondus, sind oft des Schreibens und Lesens unkundig und daher auf die Dienstleistung der Schreibkontore angewiesen. Das abgebildete Kontor hat sich mit offizieller Lizenz an prominenter Stelle, wenn auch auf engstem Raum, eingerichtet. Vor Gericht Geladene von „drüben“ - von der zur Gecekondu hin orientierten Seite des Boulevards - überqueren diese Brücke. 




Literaturhinweise (kurzer Auszug)

Cigdem Akkaya, Yasemin Özbel, Faruk Sen: „Länderbericht Türkei“. WBG, Darmstadt 1998.

Rainer Hermann: „Wohin geht die türkische Gesellschaft? Kulturkampf in der Türkei“. dtv, München 2008.

Wolf-Dieter Hüttenroth, Volker Höhfeld: „Türkei. Geographie, Geschichte, Wirtschaft, Politik“. WBG, Darmstadt 2002.

Dieter Sauter: „Türkisches Roulette. Die neuen Kräfte am Bosporus“. Herbig, München 2007.

Dieter Sauter: „Im Land des Hamam. Begegnungen in der Türkei“. Herbig, München 2006

Günter Seufert, Christopher Kubaseck: „Die Türkei. Politik, Geschichte, Kultur“, C.H.Beck München 2004.

Günter Seufert: „Café Istanbul. Alltag, Religion und Politik in der modernen Türkei“. C.H.Beck, München 1997.

Martin Strohmeyer, Lale Halcin-Heckmann: „Die Kurden. Geschichte, Politik, Kultur“. C.H.Beck,
München 2000.