1. Die kleine Kurdin und ihr Idol - Fiktion einer Biographie
Das Konzert mit dem Auftritt einer bekannten Sängerin ist die grosse Abendattraktion einer kleinen Handelsmesse in Tatvan. Das Loch in der eisernen Abschrankung der Openair-Bühne ist die Konzertkasse. Viele Familien benützen den Anlass und ein paar billige Jahrmarktvergnügungen zu einem Corso durch die spärlich beleuchteten Anlagen. Sie umstellen eine der Dönerbuden oder lassen sich in der Teebar nieder. Hinter der blauen Wand wird indessen der Auftritt der Sängerin vorbereitet und das Loch gestattet einen neugierigen Durchblick. Der Flash meiner Kamera schleudert einen spiessigen Glanz auf den Anstrich. Die Sängerin auf dem zerschlissenen, mit Tesa-Kleber aufgemachten Plakat ist für einen Sekundenbruchteil in das ihr zustehende Rampenlicht getaucht. Vergeblich scheint die kümmerlich rot glimmende Glühbirne am schwarzen Bühnenhimmel über ihr gegen die Illusion einer Galaveranstaltung anzukämpfen. Die kleine Diva präsentiert sich in der kleinbürgerlich sittsamen Umgebung indiskret offenbusig. Ihr hautenges Kleid ist tief ausgeschnitten. Auf dem Glanzpapier des Posters schimmert es im Blitzlicht wie Kunststoff oder Luxusleder.
Gerade vor dem Aushang steht in einer Personengruppe ein etwa vierzehnjähriges Mädchen. Seine dunkelblaue Bluse mit dem gelben Rosenmuster korrespondiert recht bieder mit der knallroten Robe auf dem Plakat und dem Glanz der babyblauen Wand. Keck kopiert dagegen die aufgeworfene Ponyfranse über seiner Stirn ihr Modell, die Frisur der Chansonnière.
Was meine Foto ins Licht rückt ist wohl ziemlich taktlos der Neugier des Betrachters ausgeliefert. Die beiden älteren Frauen vor der blauen Wand gehen nach islamischer Vorschrift auf der Strasse “bedeckt“. Das Gesicht der Schwarzgekleideten ist sogar von einem barock gemusterten Schal bis auf die Augen fast völlig verhüllt. Da verstösst nichts gegen die strenge islamische Norm. Das Mädchen mit dem weissen T-Shirt hat sein schwarzes, fülliges Haar zu einem hübschen Rossschwanz gebunden. Die zwei etwa gleichaltrigen Töchter - Freundinnen, vielleicht Schwestern oder Kusinen - sind den Frauen vor der blauen Wand zugewendet. Was beraten die Töchter mit ihren Müttern? Mit der Gruppe warten zwei Knaben, wahrscheinlich die jüngeren Brüder, ungeduldig neben dem Kassenschalter. Der Grössere blickt neugierig - vielleicht sogar etwas herausfordernd - zur Kamera. Sein gestricktes Wollhemd ziert ein traditionelles kurdisches Rautenmuster.
Die Familien sind, nach der Art ihrer Bekleidung zu schliessen, möglicherweise von einem der umliegenden Bergdörfer in die Kleinstadt umgesiedelt. Die Mütter könnten noch zur Mehrheit ländlicher Frauen Ostanatoliens gehören, welche nicht einmal die Grundschule absolviert haben. Falls die Annahme zutrifft, dann wären sie wie so manche kurdische Dorffrauen Analphabetinnen. Ihre Töchter und Söhne haben in der Stadt weit eher die Chance nicht nur fünf Grundschuljahre, sondern sogar die dreijährige Ortakoul, die Mittelschule, zu besuchen. Tatvan ist immerhin eine geschäftige Markt- und Handelsstadt, welche sogar über höhere Bildungseinrichtungen wie das öffentliche Lisé und private Schulen verfügt.
Am heutigen Abend sind die beiden Töchter mit ihren Familien im Ausgang. Der Messetag ist eine selten glückliche Gelegenheit. Wir wollen annehmen, dass die Teenager ihren harmlosen Wunsch durchsetzten, den Jahrmarkt und mit Kolleginnen zusammen das Konzert der Sängerin zu besuchen. Unter Begleitung und Obhut der Mütter, versteht sich.
In dem Spannungsfeld vor dem Plakat liegt für den Betrachter die Frage nahe: Werden sich wohl die Töchter wie schon ihre Mütter dem traditionellen Rollenbild unterziehen, sobald sie mit dem Grundschulabschluss das vorgeschriebene Alter erreichen? Die Tochter mit der kecken Stirnfranse dürfte wie ihre Freundin oder Kusine im T-Shirt bald vor der Entscheidung anlangen. Werden sie sich frei entschieden haben, wenn sie ihr Haar, wie die Tradition vorschreibt, verhüllen und das lange Mantelkleid anziehen?
Geben wir dem Mädchen mit der Stirnfranse unter dem Plakat einen Namen! Wie gross ist die Chance, dass Zahide die fünf Jahre der Grundschule absolviert? Dass sie wenigstens türkisch lesen, schreiben und rechnen lernt? Manche Mädchen und selbst Knaben ihres Alters in den Bergdörfern haben nie eine Schule besucht. Zahide könnte zu ihnen gehören, wäre die Familie nicht - vielleicht unter widrigen Umständen - aus dem abgelegenen Dorf nach Tatvan gezogen. Die staatliche Grundschule ist schlecht ausgerüstet und die private wäre für die Familie wohl zu teuer. Da Zahide mehrere Geschwister hat und die Ausbildung für die Eltern nicht so wichtig ist wie der Verdienst zum Unterhalt der Familie, ist die Vorstellung einer abgeschlossenen Grundschulausbildung wohl nur halbwegs realistisch. Gesetzt den Fall, Zahide werde wenigstens drei oder vier Jahre die Schulbank gedrückt haben, so zählt sie trotz bescheidener Kenntnisse nicht mehr zur traditionell beträchtlichen Gruppe der Analphabetinnen. Sie hat etwas Geschichte, Haushaltkunde und sogar Weben gelernt. Es sind gewiss gute Voraussetzungen für eine Heirat.
Unter den bis in das gegenwärtige Jahrzehnt herrschenden Umständen ist in Ostanatolien statistisch gesehen die Wahrscheinlichkeit, dass Zahide die Grund- und Mittelschule absolviert, bei weitem nicht so hoch wie im Landesdurchschnitt. Während des erbarmungslosen Kriegs, welcher das Land zu der Zeit bedrückte, als die Aufnahme entstand, war sie noch um einiges geringer als heute. Die Wahrscheinlichkeit, dass Zahide nach ihrer Grundausbildung an der staatlichen Schule mit etwa 15 Jahren zwar keinen Vollschleier, aber doch das Kopftuch und ein Mantelkleid trägt und dass sie ausserdem früh eine von den Eltern arrangierte Heirat eingeht, ist höher einzuschätzen als eine Schulkarriere. Es bleibt aber anzumerken, dass ausreichendes statistisches Material fehlt, um Annahmen über den regionalen Bildungsstand und die Bildungschancen von heute genau zu belegen.
2. Disput im Laden eines alten Teppichhändlers
Am gleichen Tag, an einer staubigen Strasse, die zum sumpfigen Niemandsland hinter dem Seedamm hinunterführt, hocken zwei Männer auf einem alten Teppich, den sie vor dem Ladeneingang ausgebreitet haben. Ihre Aufmerksamkeit für mich, der aus Interesse die kleine Bude betreten hat, wird durch einen jungen Mann abgelenkt, der kurz nach mir hereinkommt, eine beige-weiss gemusterte Jacke von einem Balken fingert und einen Streit um den Preis anzettelt. Ein dritter Alter, den ich vorher nicht gesehen habe, stellt sich unter die Türe und verfolgt den Handel.
Der Beobachter stützt sich mit beiden Händen an den Türrahmen, dessen graue Farbe abblättert, und schaut mit horchend vorgeneigten Kopf in den Raum hinein. Ich sehe seine Silhouette gegen das Tageslicht und erkenne deutlich den auf den Wortwechsel gerichteten Blick der dunkeln Augen unter den buschigen Brauenhöckern. Sein Haar ist unfrisiert. Die Mütze hat er nach hinten gedrückt. Unter der scharfkantigen Nase wuchert ein Schnauz. Wie bei einem, der angestrengt lauscht, ist sein Mund halb geöffnet. Der stumme Zuhörer, auch er, schenkt mir keinerlei Aufmerksamkeit. Seit der junge Mann den Laden betreten hat, fühle ich mich so wenig beachtet, als ob ich inzwischen unsichtbar geworden wäre. Was habe ich bei diesem Handel noch zu suchen? Ich habe es leicht aus der Tür zu schlüpfen. Für einen Augenblick hält mich etwas davon ab. Es ist die Veränderung der Stimmung im Raum und die Anspannung im Gesicht des alten Kurden in der Türe.
Der Teppichhändler presst die fünf Finger seiner leberfleckigen Hand auf die Herzgegend. Die rhetorische Gebärde will seine Wahrhaftigkeit bekräftigen. Der junge Mann hat indessen einen Arm gegen ihn ausgestreckt und die Rechte auf die Ellbogenkehle des Alten gelegt. Mit dem Daumen umfasst er dessen Unterarm und dabei drückt er seine Augenlider zu. “Hör mal auf, was du sagst, ist überhaupt nicht wahr“, scheint er sagen zu wollen und sein zugespitztes Argument sitzt auf der Zunge. Die linke Hand hält mit abgespreiztem kleinen Finger die strittige Jacke hoch. Die Hände des jungen Mannes sind feingliedrig und gepflegt, keine Spur deutet an, dass er sie zu handwerklicher Arbeit benötigt. Seine Stirn ist frisch poliert, der Hals im Ausschnitt des T-Shirts sauber. Die Rasur des Kinns und des kurzgeschorenen, über den Ohren militärisch kahlen Kopfs lässt keine Beanstandung zu. Sein Schnurrbart ist bloss angedeutet, scheint aber markant über die Mundwinkel zur Kinngrube hinunter verlängert. Er unterscheidet sich durch dieses Merkmal von den graustruppigen kurzen Schnäuzen der zwei Gesprächspartner.
Die Musterung des weinroten Teppichs auf der billigen Tapetenwand verrät kaum nomadische, sondern bürgerliche Herkunft. Ein Kaukasier? Die Frage scheint mir belanglos. Teppiche sind Handelsgut, der Handel ist weit verzweigt. Der Absatz ist gegenwärtig schwierig, der Tourismus ist in Ostanatolien seit Jahren ausgeblutet. Der Export steckt in einer Krise. Die Preise sind zusammengebrochen. Die Abnehmer in Europa setzen kaum mehr auf die traditionsreichen Namen; der Wein aus den alten Schläuchen wird bitter. Auf welche Karte setzen die beiden hageren Händler? Auf die Rückkehr der Touristen? Auf die neue Initiative des Ministeriums nach der mit erbitterter Konsequenz und Kriegsglück errungenen Befriedung? Sie wissen, dass staatlich geleitete Manufakturen aufgebaut werden, welche junge Teppich-Knüpferinnen ausbilden und nach neuen, exportorientierten Produktionsnormen beschäftigen.
Es gibt zu dieser Szene nicht mehr zu sagen. Ich habe an diesem einzigen Tag Dinge gesehen und gehört, die vielleicht bemerkenswerter wären. Trotzdem halte ich den Auftritt fest. Etwas scheint mir an ihm nicht ganz zu stimmen. Mit der touristischen Klischeevorstellung von Basarromantik hat die Szene überhaupt nichts gemeinsam! Schon gar nicht unter den zur Zeit, als die Aufnahme entstand, in Ostanatolien herrschenden Umständen.
Es kann Gründe geben, dass Gespräche abbrechen. Über sie redet man nicht, ein Wink der Augen oder das Verstummen sagt genug. Es gab sie auch, solche Gründe, am selben Tag. Da hatte nur jemand, offensichtlich etwas zufälliger als gewöhnlich, einen Laden betreten und es herrschte dicke Luft. Beim Betrachten des Bildes ist darum der dunkle Blick des stummen Zuhörers im Türrahmen zu erinnern, der auf meiner zweiten Fotografie im Gegenlicht nicht aufzuhellen war, ohne dass die Gesichtszüge zunehmend erloschen. Sie haben sich dafür dem Gedächtnis in einer Weise eingeprägt, wie sie eine Fotografie nicht festhalten kann. Die Augen aus dem zerfurchten grauen Gesicht waren unablässig auf den smarten „Kunden“ mit dem affektiert ausgestreckten kleinen Finger gerichtet, der über den Preis einer Jacke stritt oder vielmehr einen Streit inszenierte, bei dem er seine zynische Herablassung ausspielen konnte.
In Erzurum lernte ich einmal einen ehemaligen Soldaten kennen. Er war etwa 25 Jahre alt und betrieb im Bazar einen kleinen Juwelierladen, für den er eine hohe Miete zahlen muss. Er berichtete über die schwierigen Lebens- und Arbeitsbedingungen und erwähnte bloss, dass er viel gesehen hätte, bevor er, nach seiner Entlassung, das Geschäft eröffnen konnte, um den Lebensunterhalt für sich und eine kleine Familie zu sichern. Ich vergass ihn zu fragen, ob ich ihn fotografieren dürfe. Das Bild hätte ich ihm gerne geschickt. Doch seine Augen erzählten das Unsagbare und zu sagen Verbotene so, dass ich es nicht vergesse. Diese Begegnung wollte für eine Bazarszene, wie sie tausendundeine Foto festbannt, ebenso wenig hergeben wie der Disput im Laden des alten Teppichhändlers. Sie hatte mich, den Fotografen, festgebannt.
Es bleibt nachzutragen: Als diese Aufnahme entstand, herrschte in Ostanatolien noch Krieg. Ueber die kurdischen Provinzen war der Ausnahmezustand verhängt. Inzwischen ist er aufgehoben. Partiell mindestens, bleibt zu ergänzen. Ob i c h , der ausländische Besucher, den alten Teppichhändlern damals den ungebetenen Gast ahnungslos zugeführt habe? Ich vermute es, doch kann ich es nicht mit Gewissheit sagen.


