Jenseits des Bent Dere: das Gecekondu von Altindag
Einen krasseren städtebaulichen Gegensatz kann man sich kaum vorstellen als die Architektur des Begendik-Supermarkts im Zentrum von Kizilay mit seinen schrillen Schrägfronten und die an den brüchigen Steilhängen des Altindag klebende Gecekondusiedlung jenseits des Bentdere - des Dammbachs.
Zwischen den Dächern des Gecekondus und eines Nachbarhügels öffnet sich der Blick auf ein Strassenkreuz. Dort überbrückt die aus dem Tal ausmündende Bentderesi Caddesi die Fortsetzung des Atatürk Bulvari, der Zentralachse Ankaras. Am Horizont über dem Talausschnitt - dies- und jenseits der Turgut Oezal Ringstrasse - erstreckt sich ein nach Norden ausgreifender Arm der Neustadt. Es ist ein klarer Wintertag. Dennoch ist der Horizont vom bekannten Ankara-Smog verhängt. Die Luftverschmutzung durch die veraltete Braunkohleverfeuerung und den dichten Verkehr zählt neben die Versorgung mit gesundem Trinkwasser und der Abfallentsorgung zu den dringendsten Umwelt-Problemen der rasch wachsenden Hauptstadt.
Die doppelspurige Bentderesi-Caddesi schlängelt sich, dem Bent Dere folgend, durch das enge Tal zwischen dem Burgberg mit der historischen Altstadt und dem Gecekonduhügel „Altindag“ im Norden des Tals. Der Name bedeutet wortübersetzt „Goldberg“ und bezeichnet zugleich den grossen Stadtbezirk, welcher auch Ulus einschliesst. Der langgestreckte steile Hügel ist bis zur Kuppe von ein- und zweistöckigen Steinhäuschen überwachsen. Die Ziegeldächer staffeln sich. Wo die Besiedlung schmalste Terrassen ausnützt, hängen die schütteren Behausungen durch enge Gässchen verbunden oft abenteuerlich übereinander. Zubauten und Aufstockungen schaffen Raum für nachgezogene Verwandte. Zerfallende Häuser liefern Baumaterial für neues Flickwerk in den entstandenen Lücken.
Die Gecekondusiedlung hat die Gürtelstrasse überwuchert und sich ins Altstadtgebiet hineingefressen. In deren Randzone entstanden auf Abrissplätzen Gewerbehöfe. Zwischen alten Wohnhäusern und Ruinen wird der Müll gestapelt, um dort verbrannt oder sortiert und verwertet zu werden. Entlang der Benteresi-Strasse profitieren andere Kleinbetriebe, etwa Autowerkstätten oder Tankstellen, vom Verkehr. Und am Fuss des Burghügels führen Bewohner Gärtnereien, welche Setzlinge und Grünzeug jeder Art vertreiben.
In den Gecekondus ist die Arbeitslosigkeit - durch die Wirtschaftskrise von 2001/2 verschärft - ausserordentlich hoch. Die nach ihrer Mitgliederzahl grösseren Zuwandererfamilien nutzen ihre bessere Chance, sich durch Beziehungen im verfügbaren Geschäft zu positionieren. Der Erwerb findet kaum im Gecekondu selber, sondern an der Verkehrsader, im Altstadtbasar, in den angrenzenden Hotel- und Geschäftsquartieren von Ulus und im weitern Umkreis statt. Arbeit finden die männlichen Bewohner, wie andernorts auch, etwa im Bau, in der Restauration und Hotellerie, in kleinen Werkstätten, als Taxifahrer oder auf dem Niveau des Strassenhandels als Kleinkrämer und Kundenschlepper.
Die Kriminalität ist generell im Ansteigen begriffen, ausgeprägt zur Zeit der Wirtschaftskrise von 2001 und den darauf folgenden Jahren. Den zahlreichen arbeitslosen Jugendlichen verspricht die Bandenkriminalität oft eine bessere Zukunft. Der Einstieg beginnt mit Schwarzhandel und kleinen Diebereien. Die Gecekondubezirke werden durch Polizeiposten unter Kontrolle gehalten. Sie befinden sich um den Altindag an strategischen Schlüsselstellen zwischen den dichtbesiedelten Hügeln. Die mit Ueberfallwagen ausgerüsteten Kommandos sind schnell zur Stelle und greifen mit äusserster Härte durch. Bei Ueberfällen mit Gewaltanwendung riskieren die Täter Höchststrafen. Das Strafgesetz, von der faschistischen Diktatur Italiens 1942 entliehen, ist von schonungsloser Strenge. Das Gericht beurteilt praktisch ausschliesslich die Fakten, nimmt also wenig Rücksicht auf die Bedingungen einer Tat.
Das Gecekondu reguliert seine Angelegenheiten als Stadtgemeinde unter einem gewählten Muhtar (Gemeindeoberen) selber. Obwohl seine Kompetenzen und finanziellen Ressourcen begrenzt sind, funktioniert das übervölkerte Gemeinwesen leidlich, da die soziale Kontrolle auf kommunaler und nachbarschaftlicher Basis wirksam ist. Das Misstrauen der nach ihrer regionalen Herkunft gemischten Bevölkerung gegenüber den staatlichen Behörden ist deutlich wahrnehmbar; es herrscht auf dem Hügel ein Klima der Abgrenzung gegen aussen; zugleich hat sich nach innen eine besondere Gecekondu-Solidarität entwickelt. Es gibt im Gecekondu von Altindag zwar eine Schule, die sogar am Hang über eine kleine, Sportplatzterrasse verfügt. Soziale Institutionen wie eine kreative Jugendbetreuung durch Sozialarbeiter haben sich hingegen noch bis um 2005 kaum in Ansätzen entwickelt.
Das Milieu von Altindag beginnt nur ein paar Steinwürfe von der Reiterstatue Atatürks, den Bankpalästen und dem ehrwürdigen Bau der Nationalversammlung im Zentrum von Ulus entfernt, wo 1923 die verfassungsgebende Versammlung der Republik tagte. Auf der markanten Hügelkuppe des Bezirks stehen die Masten einer Radio- und Fernsehstation. Von dort oder vom Burghügel gegenüber öffnet sich ein beeindruckender und auch beklemmender Blick über die Ausdehnung der Gecekondus von Altindag und Yenidogan und weit darüber hinaus nach Norden und Osten. 60% der Bevölkerung der Dreieinhalb-Millionenstadt Ankara leben in Gecekonduvierteln.
Zwischen Cankaya, dem nobeln Hügel des Regierungsviertels im Süden und den Gecekoduhügeln im Norden und Osten, liegen das Hacettepe-Universitätsviertel und die neuen Stadtteile Kizilay und Kavaklidere. Der Kontrast zwischen den topmodernen Geschäftsvierteln Kizilays und den respektablen Hotel- und Geschäftsfassaden des älteren Ulus einerseits und den im Blickfeld fast grenzenlos Richtung Norden und Osten wachsenden Gecekondusiedlungen andererseits, wo vorwiegend anatolische Migranten leben, verdeutlicht beispielhaft die soziale Disparität der Nation.
Die doppelspurige Verkehrssanierung der Talenge zwischen Burgberg und Altindag hat das hübsche Flüsschen, den Bent Dere, gezähmt und teilweise in den Untergrund verdrängt. Stadtarchitektonische Visionen werden auch die Gedcekondu-Landschaft zum Verschwinden bringen. Es ist zu hoffen, dass die städtebauliche Entwicklung die sozialen Probleme nicht hinter neuen Fassaden verdrängen, sondern menschengerechten Lösungen entgegenführen.
Leitziele und Zielkonflikte aktueller Stadtsanierung
Die Regeneration der Städte läuft auf vollen Touren. Ihre Angriffsfronten sind inzwischen in den grossen Zentren der Westtürkei und insbesondere in der Hauptstadt strategisch auf die Zonen der Gecekondus ausgerichtet. Bagger mit der Aufschrift „ALTINDAG“ schaffen im Stadtbezirk Platz für Wohnblockreihen, Einkaufszentren, Kulturmärkte, Restaurants, Spielplätze, Park- und Sportanlagen. Da wachsen etwa in Dogantepe 12 Stockwerk hohe Wohnsilos über das Gedränge der Ziegeldächer dörflicher Wohnhäuser hinaus. Die imposanten Towerblocks sind wie die wuchtigen Pfeiler einer Talsperre in die traditionelle Wohnlandschaft hineingesetzt und zwischen einem Trümmerfeld durch raumgreifende Zufahrts- und Verbindungstrassen erschlossen. Landschaftsbau, vermutlich so steril wie die Blöcke, wird die Flächen geschleifter Quartiere gestalten.
Die Erfüllung der Pläne, welche auch den Sozialwohnungsbau vorsehen, erfolgt in Kooperation zwischen den Stadtbehörden und der Vereinigung der Bauunternehmer. Der Werbeaufwand für die Projekte löste den erforderlichen Investitionsschub aus. Das aus der gegenwärtig boomenden Wirtschaft in die Sanierung der Hauptstadt fliessende Kapital verspricht Rendite. Wachsende öffentliche Einnahmen sollen wiederum für die Entwicklung des Bildungs- und Gesundheitswesens sowie zur Förderung der Kultur zur Verfügung stehen. Sanitäre Erschliessung und Abfallentsorgung sind in der Planung integriert. Sauberkeit ist eine werbewirsame Zielvorstellung der Reissbrettsanierung.
Neben der dynamischen Modernität entstehen auf dem frei werdenden Platz auch beschauliche Wohn- und Ladenquartiere: niedliche Reihenhäuschen mit Erkern und Holzfassungen, Remake im pseudo-osmanischen Baustil. Historismus ist angesagt: Fachwerk, verwinkelte Gässchen, Bazarromantik, eine sauber rekonstruierte Dorfidylle. Man gewinnt den Eindruck, der historische Einheitsbaustil aus der Retorte habe den Zweck, die Idee der nationalen Einheit gegen die multikulturelle Realität der Gecekondus einerseits, gegen die gleichmachende Uebermacht der Moderne andererseits zu behaupten und zu beleben.
Dient sich da osmanische Renaissance in gönnerhafter Pose an, Unterschiede anatolischer Identität zu verwischen und zugleich nationalheimisches Lebensgefühl gegen die Sterilität von Betonwohnblöcken am Leben zu erhalten? Soll die Pflege und Konservierung nationaler Tradition das zugewanderte „Elend“ - das Unstädtische, Fremde - unter einer bürgerlichen Fassade kaschieren und zugleich drohender sozialer Entwurzelung und Verwahrlosung - jener Form von Verelendung, wie wir sie aus europäischen Betonvorstädten kennen - vorbeugen?
Restaurative Tendenzen haben gerne Alibicharakter. Falls der Masterplan zur Stadtsanierung und die mit ihm verknüpften sozialen Programme darauf abzielen, den heute (gerade in Ankara) als bedrohlich empfundenen Zuwachs durch Migration zu domestizieren, greifen sie die Probleme bloss an einem Ende an. Sozialhygiene oder Gewerbekontrolle sind typische Anliegen von Sanierungsprojekten. Ordnungspolitische Mittel zur Problemlösung wie die polizeiliche Kontrolle des Migrantengewerbes - besonders des Strassenhandels - schaffen indessen kaum Abhilfe. Falls die Regeneration der Städte gegenüber liberalen Konzepten regionaler Entwicklung - etwa in bisher vernachlässigten Provinzen der Osttürkei - den Vorrang haben sollte, dürfte sie zukunftsweisende Lösungen eher verhindern statt fördern. Paternalistische Gesellschaftsgefüge sind eine traditionelle Stütze dirigistischer Staatswesen. Gelingt es der Verfassungsreform, die türkische Gesellschaft vom sogenannten Erzieherstaat zu emanzipieren, dann ist wohl der langwierige Weg zur Ueberwindung der sozialen Disparität und des mit ihr ursächlich verbundenen politischen Konflikts frei.
Der Glaube, dass wirtschaftliches Wachstum nach unten durchschlägt und a se eine sozialgerechte Verteilung von Kapital und Arbeit gewährleistet, ist trügerisch. Für die meisten Schwellenländer, welche dank der globalen Wirtschaftskrise ihre Produktivität auf schwindelnde Raten steigern, belegt aktuelle Erfahrung, dass sich die Stadt-Land-Disparität vertieft. Die Investitionen fliessen in die Städte, etwa in Hightech-Industrien oder in die touristische Entwicklung. Die Bürokratie und das Einkommen einer Elite von Unternehmern und Grossgrundbesitzern wachsen. Die Provinz wird wirtschaftlich vernachlässigt, ihr Mittelstand verarmt. In den Zentren gibt es zwar mehr Arbeit, aber zu Tiefstlöhnen. Die notwendigen Strukturreformen und Investitionen in die ausgleichende Entwicklung bleiben häufig aus. Das Kapital Bildung liegt in elementaren Bereichen brach. Eine umfassende Gesundheitspolitik fehlt. Bildungsförderung und medizinische Versorgung bleiben in der Regel auf dem Land völlig unzureichend. Von Investitionen in die Produktivität der Landwirtschaft und in Markterschliessung profitieren die Mittel- und Kleinbauern in Schwellen- und Entwicklungsländern oft wenig. Die Geburtenrate ist nach wie vor in ruralen Gebieten traditionell hoch. Die verarmende dörfliche Bevölkerung ist daher weiterhin auf Zusatzeinkommen durch Migration oder illegale Geschäfte angewiesen.
Hausruine am Fuss des Hügels von Ankara-Altindag
Mit mächtigen gelb-schwarz gestreiften Betonsperren hat der Besitzer (oder Besetzer!) den Bau-grund neben den klaffenden Mauern eines zur Hälfte abgerissenen älteren Hauses möglicherweise gegen die Gefahr der Inbesitznahme durch andere Interessenten geschützt. Es ist denkbar, dass ein Unternehmer ein vielleicht einst besetztes Grundstück auch gepachtet oder durch Kauf erworben hat. Die Zone ist für den Betrieb eines Gewerbehofs geeignet, zum Beispiel als Baumaterialienlager, für die Abfallverwertung oder den Schrotthandel. Sie ist nicht mehr als ein paar Steinwürfe vom historischen Zentrum der Republik und dem Reiter-Monument Atatürks entfernt.
In steilen Hangzonen werden Häuser durch Felsabbrüche und Rutsche zerstört. Aufstei-gende Feuchtigkeit korrodiert die schlecht gebauten Hausmauern, die kaum über zurei-chende Fundamente und Isolationsschutz verfügen. Das zweistöckige Haus, durch dessen Türöffnung eine Bewohnerin eintritt, ist unwirtlich und baufällig; die Mauern ziehen die Feuchtigkeit hoch und wo der Verputz abblättert, entblösst er ältere Anstriche und Mauersteine. Improvisierte, oft waghalsige An- und Aufbauten gefährden die Statik.
Kinder vor Mauerflickwerk
Das Mädchen hüpft vor dem bunten Mosaik alter Bruch- und angefügter Ziegelsteine vorüber. Unter den abgeblätterten Stellen des erhaltenen Verputzstücks liegen ältere Farbschichten bloss. Die Kritzeleien sind lesbar: „Cöp“ bedeutet Müll, das Herz verrät wohl ein kindliches Geheimnis. Der Junge mit dem Comic-Aufkleber auf der violetten Jacke hat Spass, als sich die Kamera ihn und das märchenhafte Farbenspiel verwaschener Mauergraffitti einfängt, unter denen er gerade vorbeispaziert.
Hühnerhändlerin und Sohn im Bentderetal
Die Frau hat ihren Standplatz diesseits der Bentderesi Caddesi am Rand des Altstadt-Quartiers und in der Nähe eines Heiligengrabs aufgeschlagen. Sie kommt zusammen mit ihrem Sohn täglich aus einem Bezirk der Gecekondu Ankaras, um an der vorteilhaften Stelle im Umkreis von Ulus Hühner zu verkaufen, die sie von Bewohnern in ihrer Nachbarschaft billig ersteht. Sie selbst hat keine Gelegenheit zur Hühnerzucht. Der minderjährige Sohn hilft ihr beim Transport und führt Kundschaft her. Sie hockt auf Kartons und hat mit Abfallholz von einem Bauplatz ein Feuer entzündet, um in einem mitgebrachten Samowar Tee warm zu halten. Der Sohn wächst in äusserst ärmlichen Verhältnissen auf. Der Vater hat, wie in so vielen Fällen, keine geregelte Arbeit.
Altstadt-Quartiere diesseits des Bentdere
Im Hintergrund des wintwerlichen Quartiers ist die Silhouette des Burgbergs wahrnehmbar. Hausteile sind aufgestockt. Aussentreppen führen über Terrassen zu Wohnungseingängen. Die Gecekondu hat sich zwischen renovationsbedürftigen bürgerlichen Häusern eingenistet. Einstöckige Häuser haben dörflichen Charakter. Auf der Quartierstrasse holt die Ambulanz gerade eine alte Frau im Rollstuhl ab.
Zwischen den brennenden Müllhaufen einer Abfalldeponie der Altstadt sucht ein Mann nach Verwertbarem. - Neben einem Gebäude der prunkvollen Gründerzeit-Architektur unweit des Platzes der Nation mündet eine enge Passage zwischen Wellblech-Bauschranken und einem schmiedeisernen Zaun in die Cankiri-Caddesi. In der unscheinbaren Gasse, welche das Zentrum von Ulus mit dem schäbigen Teil der Altstadt verbindet, hat eine Bettlerin Platz genommen.
Schuhputzer, Strassenhändler und Arbeitsuchende auf dem "Platz der Nation" im Zentrum von Ulus
Der Platz des alten Zentrums der Hauptstadt, auf dem die pompöse Reiterstatue des Gründers errichtet wurde, ist von Historischen Museen, Banken, dem alten Sümer-Konzernsitz und Einkaufszentren gesäumt. Die Architektur der Gründerjahre dominiert. Der speckige Glanz der Fliesen reflektiert den weissen Marmorsockel des Nationalmonuments. Der Platz wird zwar nachts gereinigt. Inzwischen ist er aber wieder von Zigarettenstummeln übersät. Auf niedrigeren Podesten umgibt den Reitergeneral und Staatsgründer das in Bronze erstarrte Pathos von vier Figuren. Sie symbolisieren das Heldentum der Armee und den Einsatz der Werktätigen beim Aufbau und der Verteidigung der Republik. Um das Monument versammeln sich täglich überwiegend junge Männer, welche Arbeit und Kontakte suchen. Schuhputzer, Eisverkäufer und kleine Leute, die zum Beispiel Occasionsartikel entäussern, und andere, welche Sachen in Tausch geben, finden hier einen Standplatz. Alte Männer, im Winter in dicke Mäntel mit hochgestellten Kragen gehüllt, hocken zu einem Schwatz auf der Gehsteigmauer.
Der Platz des alten Zentrums der Hauptstadt, auf dem die pompöse Reiterstatue des Gründers errichtet wurde, ist von Historischen Museen, Banken, dem alten Sümer-Konzernsitz und Einkaufszentren gesäumt. Die Architektur der Gründerjahre dominiert. Der speckige Glanz der Fliesen reflektiert den weissen Marmorsockel des Nationalmonuments. Der Platz wird zwar nachts gereinigt. Inzwischen ist er aber wieder von Zigarettenstummeln übersät. Auf niedrigeren Podesten umgibt den Reitergeneral und Staatsgründer das in Bronze erstarrte Pathos von vier Figuren. Sie symbolisieren das Heldentum der Armee und den Einsatz der Werktätigen beim Aufbau und der Verteidigung der Republik. Um das Monument versammeln sich täglich überwiegend junge Männer, welche Arbeit und Kontakte suchen. Schuhputzer, Eisverkäufer und kleine Leute, die zum Beispiel Occasionsartikel entäussern, und andere, welche Sachen in Tausch geben, finden hier einen Standplatz. Alte Männer, im Winter in dicke Mäntel mit hochgestellten Kragen gehüllt, hocken zu einem Schwatz auf der Gehsteigmauer.
Der Mörserträger unter dem Atatürk-Reiterdenkmal im Bild aus dem Jahr 2003 gewinnt in diesem Umfeld eine ihm kaum zugedachte Symbolik!
Das Realeinkommen einer Arbeitskraft auf dem türkischen Markt sank zwischen 1991 und 1997 - innert sechs Jahren! - um mehr als die Hälfte. Gegen galoppierenden Kaufkraftverlust praktizieren die Türken bis heute das probate Mittel, ihr Einkommen kurzfristig in den zahllosen florierenden Wechselkontors gegen DM oder Dollars ein- und bei Bedarf wieder umzutauschen. Die schwere Wirtschaftskrise des Landes 2001/2, welche sich zur Zeit des Irakkriegs 2003 vertiefte, verstärkte den Schwund des Realeinkommens und bewirkte, dass die verdeckte und daher landesweit statistisch kaum erfassbare Arbeitslosigkeit dramatisch anstieg.
Neueste Umfragen von 2003 belegten, dass die Schere der Einkommensverteilung sich weiter öffnete. Das Einkommensgefälle zwischen West und Ost sowie zwischen den Bevölkerungsklassen nahm zu und die Armutsgrenze stieg. Um die Mitte des vergangenen Jahrzehnts mussten 48 % der Bevölkerung ihren Lebensunterhalt mit einem Familieneinkommen unterhalb 200 bis 500 Mio.T-Lira (etwa 200 bis 500 SFr.) bestreiten. Die Mindestausgaben einer vierköpfigen Familie allein für Lebensmittel lagen um diese Zeit gemäss einer Studie des Gewerkschafts-Dachverbandes (Türk-Is) auf 421 Mio.T-Lira. Statistisch betrachtet bedeutet das, dass gegen die Hälfte der türkischen Bevölkerung über ein Einkommen unterhalb des Mindesteinkommens und ein schwer bezifferbarer Teil über ein Einkommen an oder unterhalb der Hungergrenze verfügte. In der 15-Millionen-Metropole Istanbul, dem zugkräftigsten Ziel der Landflucht, lagen gemäss einer Stich-Umfrage der Stadtverwaltung die Einkommen von 79,1 % der Bevölkerung unter dem bis dahin gültigen Mindesteinkommen von 450 Mio. T-Lira.
Viele Menschen sind verschuldet. Da die traditionelle Solidarität durch die Säkularisation und die Auflösung der tragenden sozialen Struktur der Grossfamilie in den Ballungsräumen zunehmend ausgehöhlt wurde, tritt die Armut besonders in den Grossstädten offen an den Tag. Die Türkei kennt bisher landesweit keine Arbeitslosen-Versicherung und kein staatliches soziales Netz, das effektiv genug wäre, die wachsende Not aufzufangen und zu lindern. Die Gesundheitsversorgung ist in den weiterhin explodierenden Grossstädten teilweise auch heute unzureichend. In den von Landflucht betroffenen Provinzen - besonders der Osttürkei - ist sie in entlegenen ländlichen Regionen und selbst in Distriktstädten noch prekär.
Heute (2010) erlebt das Schwellenland Türkei ein überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum. Eine adäquate Einkommensverteilung ist erfahrungsgemäss allerdings nur unter stabilen Verhältnissen garantiert. Nicht alle Bevölkerungsteile werden vom Wachstum gleichermassen profitieren. Während in der Hauptstadt Ankara Wohnbau- und Sozialprojekte vorangetrieben werden, mangelt es insbesondere in den Provinzen der Osttürkei häufig an den strukturellen und sozialen Voraussetzungen oder an der politischen Bereitschaft zu Investitionen in die wirtschaftliche Entwicklung.
Arbeitslose unter heroischer Bronze
Auf einem Nebensockel der Atatürk-Reiterstatue steht der spähende Infanterist der Begfreiungskriege.
Unter dem Nationaldenkmal sitzen ein Arbeitsloser im Wintermantel und ein Occasionsverkäufer mit seinem Handwagen auf einer Stufe des Platzes.
Das Neustadt-Panorama
Ueber der Altstadt an der Ostflanke des "Burgbergs" schliesst sich in Richtung Südosten und Süden das Panorama der Neustadt mit ihren Reihenhaus- und Wohnblocksiedlungen an. In gerader Linie nach Süden zielt der Blick auf den Atakule in Cankaya (am äussersten Horizont rechts im unteren Bild).
Ueber der Altstadt an der Ostflanke des "Burgbergs" schliesst sich in Richtung Südosten und Süden das Panorama der Neustadt mit ihren Reihenhaus- und Wohnblocksiedlungen an. In gerader Linie nach Süden zielt der Blick auf den Atakule in Cankaya (am äussersten Horizont rechts im unteren Bild).




