Samstag, 4. September 2010

Ankara 1/2 Die zentrale Achse

Perspektive Ankaras: Abbild der nationalen Disparität



Die Achse zwischen Ulus-Altindag und Cankaya




                         



Beim Atatürk-Reiterdenkmal auf dem Regierungsplatz in Ankara-Ulus


Der türkische Marmor ist spröde und porig. Der pompöse Sockel des Reiter-Denkmals ist vom Ankara-Smog angewittert. Die in seine Flanken eingesenkten Reliefplatten glorifizieren in der perspektivischen Manier klassischer Bildchronik - Urvorbild Assurbanipal! - den Kraftakt der Befreiungskriege: das siegreiche Vorrücken der Angriffsreihen in der Schlacht, die unbeirrbare Order des obersten Feldherrn. Auf einem separaten kleinen Sockel posiert der türkische Infanterist. Gerüstet mit deutschem Stahlhelm, Handgranate, Munitionstaschen, Repetiergewehr und aufgesetztem Bajonett reisst er seine Truppe erhobenen Arms zum Angriff. Der in Bronze erstarrte Kampfgeist des Befreiungskriegers soll den Geruch und Lärm der Schlacht evozieren: Schweiss, Pulverrauch, Knattern, Tosen, Bellen von Stahl und Blei.


Die schmierigen Fliesen des Nationalplatzes rund um das Monument sind mit Zigarettenstummeln übersät. Auf dem Kapitell gurren Tauben, spähen nach Kürbiskernen und Bretzelkrümeln. Am Fuss des Monuments, an die Kante des hässlichen Granitpodests gelehnt, hockt ein Schuhputzerkönig auf seinem niedrigen Schemel. Die Messingknaufe seines „Fussthrons“ sind blank poliert. Er trägt einen schwarzen Wintermantel mit dickem Kragen. Der Zottel seiner schwarzen Mütze hängt schief nach vorne und macht aus dem König einen Jakobiner. Es ist ein schlechter Tag - für ihn wie für die Tauben. Die Kälte beisst. Er hat eine Zeitung unter den Hintern geschoben. Die wenigen Passanten schauen mit gesenkten Köpfen vor ihre Fussspitzen. Die Hände stecken in ihren Manteltaschen. Die Finger der Rechten spielen mit der darin verborgenen Gebetskette. Die Rechte des Jakobiner-Königs zupft an seinem kurdischen Schnauz. Er hat die Mütze tief über die Stirn gezogen und ist in ein halb maliziöses, halb deprimiertes Brüten versunken.


Um den Nationalplatz, das Zentrum der Neu-Altstadt, versammeln sich die Mausoleen der Gründerzeit. Hier ist der historische Tagungsort der Nationalversammlung, der beflaggte düstere Saal mit den Schulbänken, in welchen die versammelten Gründerväter die Verfassung der Republik - des kemalistischen Erzieherstaats - in Kraft setzten. Ein Museum heute, osmanische Villa, recht unscheinbar im Vergleich zu den Bankpalästen im protzig-klassizistischen Stil jener Epoche.







Der Atakule am anderen Ende von Ankaras Plan-Achse



Vom Platz, den das Reiterstandbild des Revolutionsgenerals dominiert, zielt der Atatürk-Bulvari abgesehen von ein paar topografisch bedingten Abweichungen plangerade Richtung Süden. Er zerschneidet, von eisernen Trippelstegen für das Fussvolk übersprungen, den modernen Geschäftsbezirk Kizilay. Auf den Stufen der unter den Tritten klingenden Stege sitzen die Bettlerjungen. Vom Zentrum Kizilays, im Kreuzpunkt mit dem geschwungenen Mustafa Kemal Bulvari, strebt die Hauptachse, von Ministerien, Botschaften und Grünanlagen flankiert, durch den Regierungsbezirk ansteigend genau auf die historische Residenz des Präsidenten zu. Die Atatürk-Villa liegt mitten im erfrischenden Grün der Hügel von Cankaya.


Zwei Hauptstrassen, die Cinnah- und die Cankaya-Caddesi, münden von Südwesten in den Atatürk-Bulvari - die eine in Kavaklidere, die andere an dessen Ende. Zwischen ihren weit ausschwingenden Schenkeln liegt, droben auf der luftigen Höhe von Cankaya, der botanische Garten. Wo die beiden Zweigstrassen zusammenstossen, genau im spitzen Kreuzungswinkel über seinen exotischen Gewächsen, steht der Atakule. Wie eine blanke Mörserkeule überragt er Ankara, den Blick von überall auf sich ziehend, die ganze Stadt durch die Wabenzellenfenster seiner Drehkugel observierend.


Von der Drehterrasse des Atakule noch deutlich erkennbar sind das Ankara-Hilton und das Sheraton-Hotel, die Türme von Kavaklidere. Schon fern und klein, fast verschwindend, sind Büyük Ankara und der Business Center Tower in Kizilay wahrnehmbar und am Horizont schiesslich Ulus mit dem Burgberg. Und hinter dem Ende der sieben Kilometer langen, nach dem Uebervater benannten Achse sind, in rasender Verkürzung, der Altindag und die von fern winkenden Hügel der grenzenlosen Gecekondu auszumachen. Ueberschaubar alles von Atakule, dem Vaterturm: sein Name ist eine weitere Referenz. Kommunikationszentrale und Aussichtsturm in einem, vereint er in seiner per Schnelllift erreichbaren Glassphäre das „Ufo“-Café, das Karussell-Restaurant „Sevilla“ und das luxuriöse Dome-Restaurant unter seiner Kuppel. Der Turm, zufällig im Wendejahr 1989 eröffnet, ist wohl eine Selbstbestätigung und zugleich Reverenz gegenüber dem politischen Vorbild und Konkurrenten Europa. Wir fragen zwanzig Jahre danach: Welche Türkei repräsentiert der Turm? Wir suchen umso skeptischer nach einer Antwort, als wir uns selbst über unsere europäische Identität - sowie den Herrschaftsanspruch der euro-amerikanischen Kultur im globalen Horizont  -  nicht mehr so ganz einig sind.








Anatolisches Dilemma



Ankara wurde 1923 durch die Initiative Atatürks zur Hauptstadt der eben gegründeten Republik erkoren. Die rigide Ausrichtung der Haupt-Verkehrsachse und die durch sie gewonnene stadtarchitektonische Symmetrie symbolisieren den durch die Verfassung der Republik bekräftigten Willen zur politischer Einheit, zur Zentralisierung der Macht. Altindag und Cankaya - im Kontrast zwischen den von Wohnarmseligkeit überwucherten Gecekonduhügeln, welche die Neu-Altstadt Ulus („Nation“) umgürten, und den elitären Park- und Villenvierteln um den neuen Regierungsbezirk, auf den Anhöhen am anderen Ende der Achse, manifestiert sich der durch die Entwicklung eines Jahrhunderts begründete Widerspruch. Der politische Wille zur Integration der sozialen und ethnischen Minderheiten und die Realität der türkischen Gesellschaft klaffen bis heute auseinander.


Der „Schuhputzerkönig“ mit seiner „Jakobinermütze“, wahrscheinlich ein kurdischer Migrant aus der Gecekondu am Altindag, hat seinen Standplatz unter dem Denkmal der Republik auf dem „Platz der Nation“ bezogen. Sein „Tresor“, der mit schön-getriebenen Messingbeschlägen dekorierte Wichse- und Bürstenkasten, wirbt für sein Geschäft, das ihm täglich ein paar lumpige Lira-Noten einbringt. Von diesem König Ohneland - er verfügt wohl über eine nationale identität, ist aber aus seiner eigentlichen Heimat emigriert - ist öffentlich wenig die Rede. Ihm fehlt das Aufsehen erregende Image. Sein Leumund vor den Hütern der Nation war lange genug lausig. An seiner traurigen Gestalt, am schwarzen Stoff seines Mantels haftet immer noch der Geruch der Untreue, des kollektiven Verrats.


Der türkische Sänger TARKAN auf dem haushohen Poster unter dem Atakule dagegen, Träger des World-Music-Awards, ist ein zeitgemässes Idol. Die Pop-Grösse internationalen Formats, in den USA und in Deutschland zuhause, hat sich als lässiger Bagpacker, Jeansträger und Strandläufer mit seinem Song-Motto „Oezgürlük icinizde“ zu einem Millionenhonorar in die Werbekampagne der türkischen Telecom-Gesellschaft TURKCELL einspannen lassen. Er mimt eine romantische Gegenfigur zum blutrünstigen Protagonisten im Film „Tal der Wölfe“. In seine Märchenbraut verliebt, wandert er durch Steppen, stapft er durch Schneegebirge und Sand. Durch sein Zauber-Handy ist der schwarzbärtige Bagpacker selbstverständlich in tödlichsten Einsamkeiten immer erreichbar, nach Wunsch immer mit seiner Schönen verbunden. Der Oezgürlük-Held ist eine so abenteuerlich-modische wie unverbindlich- allverbundene Version des anatolischen Binnenmigranten!


Doch: Der Popmusiker hat sich wegen seiner Aufmachung und seinen unkonventionellen Auftritten mit dem konservativen Establishement seiner Heimat überworfen. Auch er. Sein Ohrring war als feminin verrufen, bevor er auch in der Türkei „hip“ wurde. Eine in der Presse aufgepfefferte Affäre um seine angebliche Homosexualität, zu der er sich aus Image-Gründen öffentlich nicht bekennen dürfte, belastete sein Verhältnis zur türkischen Oeffentlichkeit. Die Devise „Oezgürlük icinizde“ - die Freiheit ist in uns drin / in unserem Innern “ - trifft im türkischen Gehör auf eine spezifische Sensibilität. Seine Karriere gestattete Tarkan die Veräusserlichung aller denkbaren Wunschträume, es fällt dem Emigranten daher nicht schwer, sich platterdings - gegen die in seiner Heimat durch Tradition und Erziehung aufgezwungenen Tabus - zum Lebensstil der USA zu bekennen: „Ich mag die Freiheit; man kann (in den USA) sagen, was man will, tragen, was man will, und sein, wer oder was man sein will.“


Der Pop-Sänger erkaufte sich nach einem Konflikt um seine Wehrdienstpflicht durch Zahlung von 16' 000 Dollars die Verkürzung des Militärdiensts auf einen Monat. Der Krieg gegen die PKK kam zu der Zeit vorübergehend zum Stillstand, die Sache liess sich in Unschuld regeln und Tarkan publizierte im Ausland seine Platte „Karma“.


Der Migrant aus Not am anderen Ende der sozialen Skala, der kurdische Schuhputzer unter dem Reiterdenkmal, hat sich mit sich selbst und seinem Schicksal - generationenlanger wirtschaftlicher Vernachlässigung und Unterdrückung seiner Sprache, seiner kulturellen Heimat - überworfen und ist in die Hauptstadt emigriert. Auf dem Platz der Nation (auf der Strasse also, wenn auch auf „privilegiertem“ Pflaster) erwirtschaftet oder erharrt er sich einen unsicheren Taglohn. Was kann e r mit Tarkans vagem Freiheits-Motto und leicht erkauften Freiheit anfangen? Man möchte sich mal gern einbilden: mehr als der durch vertragliche Obligationen und Imagepflege gestresster Popsänger selbst. Doch hätte  e r  etwa wie blasierte Tarkan-Freaks Ursache sein Selbstgefühl aus romantischer Entsagung zu ziehen? Mit einer bürgerlichen Jeunesse Dorée Ankaras oder Istanbuls, der das Argument sound-musikalisch bestechender Performance ausreicht, um eine missverständliche Devise und inhaltlich anspruchslose Songtexte zu vergöttern, hat die Welt der grossen und kleinen Schuhputzer-Migranten wenig gemeinsam.


Welche Interessengruppen finanzieren diskret ihre poppige Image-Pflege auf den Werbeflächen und Werbe-trägern rundum? Den grossen Fisch hat mit e i n e m Werbe-Wurf der Konzern an Bord gezogen: TURKCELL. Tarkans Honorar ist im Vergleich dazu nicht mehr als ein Handkuss. Welchem Schuh gilt der Mundkuss der jungen Türkin auf dem andern haushohen Poster unter dem Atakule? Das auf Tarkans Namen kreierte Parfum würde mit der Slimline-Mode von TWIGGY charmant harmonieren. Gewiss hat sein Song „Kuss-Kuss“ bei der jungen Generation eingeschlagen. Trotzdem bleiben überm Knie nach oben schlüpfende Röcke in der Türkei tabu. Darum fasst „Terteks Tekstil“ in der Türkei vorläufig mit Twiggy-Schuhwerbung Fuss: der bunte leichte Sportschuh aus Segeltuch oder Softleder, der weder Bürste noch Wichse mag, ist trendig. Und OPEL? Der Konzern wirbt in Cankaya für schwungvolle Mobilität mit dem neuen VECTRA, der allerdings, auch in der Türkei zusammengesetzt, nicht die „türkische Wende“ einer 360 Grad-Drehung nach links und rechts schafft.


Die smarten Konsumidole unserer Zeit verdrängen die heroischen Ikonen der Gründerzeit. Deren Wadenbandagen und Hartlederstiefel gehen zusammen mit dem martialischen National- und Freiheitsgeist der Revolution und einer Reihe gezöpfter Strafrechtsparagrafen langsam ins Arsenal der Geschichte ein. Zwar schickt es sich gut mit strammer Haltung Einheit zu propagieren. Doch niemals lässt sich Einheit - so wenig wie Demokratie - mit Gewalt aufzwingen, jedenfalls nicht solange die Voraussetzungen, welche die Bürger in die Lage versetzen von ihren Freiheitsrechten Gebrauch zu machen, noch so ungleich verteilt sind. Gegenwärtig scheint sich allerdings die Erwartung zu bestätigen, dass die moderne Türkei sich solche Einsicht unter der Regierung Erdogan zunutze machen will - wohl zu ihrem Vorteil. Mehr als 50 % der türkischen Staatsbürger stimmen nach einer Umfrage einer Friedensinitiative und kulturpolitischen Oeffnung gegenüber dem kurdischen Bevölkerungsteil zu, mehr als 60 Prozent lehnen die rigide nationalistische Haltung der Republikanischen Volkspartei (CHP) ab. Zahlenverhältnisse sind labil, Statistik trügt.


Die Initiative der Regierung gegenüber der kurdischen Opposition ist offenbar Teil eines umfassenden politischen Konzepts, das alle kulturellen Minderheiten einschliesst und auch eine aussenpolitische Neuorientierung einleitet. Die Türkei eröffnet gleichzeitig mit ihrer innenpolitischen Friedensinitiative Verhandlungen mit der Regierung der armenischen Republik. Ziel ist die Beilegung des verfahrenen Konflikts, welcher nach dem Krieg zwischen Armenien und Aserbeidschan und der armenischen Besetzung Berg-Karabachs die Schliessung der Grenze auslöste. Vorgesehen ist sogar ein „Dialog mit historischer Dimension“ über die komplexen Fragen um den historischen Völkermord von 1915/18. Eine definitive Einigung ist von einem Vertrag allerdings kaum zu erwarten. Die Lösung der politischen Probleme wird Zeit beanspruchen, viel Zeit, denn es sind tiefe Wunden auszuheilen. Die Zerwürfnisse sind überdies von einem kultur-politischen Konflikt unterlagert, welcher noch nicht ausgetragen ist.


Das politische Klima in der Türkei ist labil und die republikanische Opposition weiss die Stimmung zu nutzen. Die Intoleranz der Bevölkerung gegenüber Angehörigen nicht-islamischer Glaubensbekenntnisse und Kulturen ist gemäss neuer Umfragen beunruhigend hoch - eine Folge jahrzehntelanger nationalistischer Indoktrination und mangelnder Förderung des Dialogs. Immerhin bedeutet das Resultat der Umfrage zur Initiative der islamistischen Regierung nicht, dass eine Mehrheit der türkischen Bevölkerung einer islamistischen Politik den Vorzug gibt oder gar ein Regelwerk zur Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens im Sinn eines Islams strengerer Observanz vorbehaltlos anerkennt. Die Tradition steht heute zur Debatte, sittlicher Anstoss treibt sie an, wie das Beispiel Tarkan belegt. Heftig Anstoss erregte der international prämierte Song „Kuss-Kuss“ des Pop-Barden. Die Verse an eine „verzogene“ Schöne, welche mit ihm - dem türkischen Mann - spielt oder ihn auf eine irritierende Weise ignoriert, treffen in diesem Fall wohl einschlagend den Nerv eines in Gang geratenen Diskurses über die Geschlechterbeziehung (verkürzt und in verknappter Fassung zitiert):



Bin darum, denk ich, so verknallt in dich,

Weil du mir nicht gehören willst …

Haben wir es so von unseren Vätern gelernt?

Ja, wir haben uns vor allen blamiert.

Bräuche greifen im Dorf um sich!

Freunde, wir sind aufgeschmissen.



Der Gedanke drängt sich auf, dass Tarkan wegen angeblicher Homosexualität in Verruf gebracht wird, weil sein Song die „Blamage“ des Mannes durch eine emanzipierte Frau öffentlich macht. Dass gerade  e r , durch solchen Verruf belastet, frei ist, die selbstgefällige Männerdominanz blosszustellen, liegt auf der Hand. Nur: Sein Nonkonformismus ist in einer patriarchalisch verfassten Gesellschaft und unter den Argusaugen von Hütern einer starr kodifizierten islamischen Moral auch anfechtbarer. 

Atatürk hatte, seiner Zeit vorgreifend, der Frauenemanzipation den Weg gebahnt. Doch die islamische Reaktion nach Atatürk bewirkte eine nachhaltige Spaltung der türkischen Gesellschaft. Diese lässt sich heute möglicherweise nur durch eine Veränderung überwinden, welche tiefer greift, als sie den Bewahrern der Republik vorschwebte, nämlich: die Emanzipation vom Konzept des Vaterstaats. Könnte es sein - die Umfrage über eine Politik zugunsten der Minderheiten scheint die Auffassung zu bekräftigen -, dass ein erstarkender Teil der türkischen Bevölkerung nicht mehr einheitshörig sein will? In anderen Worten: dass die Türken diesem   e i n e n  , welcher bis heute ihre Einheit definierte, nicht mehr widerspruchslos zugehören (und zuhören!) wollen? Der „lange Abschied von Atatürk“ ist wohl wirklich im Gang, allerdings letztlich auch nicht in einer Weise, wie ihn sich die Gründer der islamistischen Partei wünschen. Das Outcome des Prozesses ist ungewiss.


Auf den Fensterscheiben der Terrasse über dem Drehrestaurant in der Glaskugel des Atakule verbietet ein Kleber das Fotografieren. Die Umgebung ist geheimdienstlich hochsensibel. Keinen Kilometer entfernt vom Aussichtsturm ist der Regierungssitz. Unweit befinden sich zum Beispiel die englische oder die indische Botschaft und die Ministerien sind in Sichtweite. Wer im Regierungsbezirk fotografiert, wer einen geeigneten Standplatz sucht, um etwa das Justiz- und das Verteidigungsministerium auf  e i n  Bild zu bringen, wird vor den Kadi gepfiffen. Die Gefahr terroristischer Attentate ist ein verständlicher Hintergrund verschärfter Ueberwachungsmassnahmen. Sie könnte aber unter widrigen Umständen  als Vorwand zur Verewigung eines Apparats dienen, welcher die Sicherung der bestehenden Ordnung gewährleistet. Gegen dieses Risiko verspricht nicht allein der von oben vorsichtig in Gang gesetzte  Dialog, sondern ebenso die allgemeine geistige Unruhe und der spontan ausgelöste Diskurs Wirkung. Solange tragende Visionen fehlen, ist es  wohl schwierig, unverkrampft die Mitte halten.

Von der Zinne des Burg-Bergs öffnet sich der Blick auf die andere, die anatolische Türkei. Ein schier grenzenloser, ein faszinierender und zugleich - angesichts der landesweit zu lösenden Aufgaben - bedrückender Horizont.













Visionen und Widersprüche entlang dem Atatürk-Bulvari












Twiggy Schuh-Kuss, architektonische Exzentrik und eine Bettlerin in Ankara-Kizilay



Das Riesenposter unter dem Atakule repräsentiert den Schuh-Kuss in Rot-Blau. In Kizilay wirbt dasselbe Motiv in Gelb-Rot. Goldgelb ist die Aura und von samtenem Rot der Mogul, auf dessen Sohle die Lippen zielen: ASH SHOE, der Damen-Camper, ein sportiver Sneaker aus weichem Kalbsleder und perforierter Veloursledersohle. Die Twiggy-Reklame auf einer Hauswand am Gazi Mustafa Kemal Bulvari setzt in Ankara die Messlatte für internationales Markenformat. Die Köpfe der zwei Passanten im Vordergrund wären, würden sie nicht auf einer Brücke, sondern unmittelbar unter dem gigantischen Poster vorbeigehen, winzig.


Im Zentrum Kizilays, an der Kreuzung des Atatürk- und des Gazi Mustafa Kemal-Bulvari, kreierte architektonische Exzentrik ein postmodernes Warenhaus. In seinen vertikalen oder dreidimensional in Schräge gekippten Fensterfronten spiegelt sich die Geschäftswelt. Die Finanzgruppe hatte sich mit dem kühnen Projekt um die Zeit der Krise nach 2000 übernommen. In Kizilay, auf dem Platz um das Begendi-Magasin, prallen die Haupt-Verkehrsströme organisiert zusammen. Alles ist, von der Architektur reflektiert, im Fluss.


Auf den Pflasterquadraten einer stillen Nebenstrasse des gepflegten Regierungsbezirks im Umkreis von Kizilay und Kavaklidere hockt vornüber gebeugt eine Bettlerin. Mit einem weissen Baumwolllaken bedeckt sie Kopf, Körper, Arme und das tief zum Pflaster heruntergesenkte Gesicht.







Das Gericht von Ankara-Ulus



Menschen eilen über die Brücke, welche neben dem Areal des Respekt gebietenden Ulus Adliye den Atatürk Boulevard überquert. Ein einzelner Mann wartet - vielleicht ratlos - unter dem massiven eisernen Geländer. Er hat die in bäuerlichen Regionen typische Ruhehaltung eingenommen: die Hocke. Sie demonstriert, dass er eine bestimmte oder unbestimmte Zeit lang wartet, während die Passanten in gewohnter städtischer Hast mit einem bestimmten Ziel im Kopf vorbeilaufen. Die meisten - kleine Beamte, Laden- oder Kontorinhaber und Angestellte - eilen wohl gerade zu ihrem Arbeitsplatz.

In den Sälen des riesigen Kubus tagen und vertagen sich ununterbrochen Gerichtsverfahren. Prozessakten werden in Dutzenden von Kontoren registriert und verwaltet, wo Parteien und Anwälte Protokolle einsehen, sich über Resultate polizeilicher Ermittlungen, Fortschritte von Verhandlungen oder anstehende Termine orientieren können. Von imponierendem Mauerwerk umschlossen arbeitet hier die in der Metropole so wenig wie in der Provinz von der Exekutive wirklich unabhängige Autorität der Richter in ihrer grauen Robe mit dem scharlachenen Kragen. An den Ecken der Schranken, welche die Angeklagtenbank einschliessen, sind vier bewaffnete Gendarmasoldaten postiert. Sie symbolisieren die Präsenz der Staatsmacht. Deren Einfluss auf Gerichtsverfahren und Gesetzesinterpretation ist gross. So erfolgt die Normen-Ueberprüfung von Verordnungen und Gesetzen durch ein Verfassungsgericht auf Antrag der politischen Instanzen. Und wenn Staatssicherheits-Gerichte bis heute nach ihrem Ermessen Fälle auf der Grundlage des Einheits-Artikels 143 an sich ziehen, dann ist der Grundsatz der Meinungsfreiheit in Frage gestellt.


Eingreifende Neuerungen auf der Ebene des Straf- und Zivilrechts sind heute im Gang. Der Türkei fällt es im Rahmen der von der EU angemahnten Straf- und Zivilrechtsreform besonders schwer, sich - von traditions- und gruppenrechtlichen Vorstellungen abstrahierend - zu individualrechtlichen Prinzipien durchzuringen. Welche Probleme es im Hinblick auf die Umsetzung neuer Rechtsnormen zu berücksichtigen gilt, zeigt zum Beispiel die Umständlichkeit einer juristischen Regelung des sogenannten Jungferntests. Nur mit Not konnte 2004 ein Gesetzes-Antrag islamistischer Abgeordneter zurückgenommen werden, welcher Ehebruch als strafbar erklärt hätte. Dass der Staat in den Schlafzimmern seiner Bürger nichts zu suchen habe, war ein liberales Argument, das sich weit in die Oeffentlichkeit hinein Gehör verschaffte. Die Gleichstellung von Mann und Frau im revidierten Ehe- und Scheidungsrecht ist nun immerhin theoretisch gesichert. Dass das Strafrecht strafmildernden Umständen in Fällen traditionellen Ehrenmords nicht mehr Rechnung trägt, ist als ein bedeutender Fortschritt zu werten. Doch nimmt die Verfahrensordnung in anders gelagerten Straffällen generell immer noch zu wenig Rücksicht auf soziale und psychologische Hintergründe eines Vergehens.





Schreibstube beim Gericht von Ankara-Ulus


Der Atatürk-Bulvari wird von zahlreichen Fussgängerbrücken überspannt. Darunter gibt es einzelne moderne, von Glastunnels überdachte Metallkonstruktionen. Diese eleganteren Design-Brücken sind grün gestrichenen; allerdings sind sie so wenig für Invalide eingerichtet wie die unbedeckten Ueberführungen in Kizilay. Ueber ihren Treppenaufgängen sind in der Nähe des Gerichts kleine Räume für private Schreibkontore ausgespart. Kläger und Angeklagte, vor allem zugezogene Bewohner der nahen Gecekondus, sind oft des Schreibens und Lesens unkundig und daher auf die Dienstleistung der Schreibkontore angewiesen. Das abgebildete Kontor hat sich mit offizieller Lizenz an prominenter Stelle, wenn auch auf engstem Raum, eingerichtet. Vor Gericht Geladene von „drüben“ - von der zur Gecekondu hin orientierten Seite des Boulevards - überqueren diese Brücke. 




Literaturhinweise (kurzer Auszug)

Cigdem Akkaya, Yasemin Özbel, Faruk Sen: „Länderbericht Türkei“. WBG, Darmstadt 1998.

Rainer Hermann: „Wohin geht die türkische Gesellschaft? Kulturkampf in der Türkei“. dtv, München 2008.

Wolf-Dieter Hüttenroth, Volker Höhfeld: „Türkei. Geographie, Geschichte, Wirtschaft, Politik“. WBG, Darmstadt 2002.

Dieter Sauter: „Türkisches Roulette. Die neuen Kräfte am Bosporus“. Herbig, München 2007.

Dieter Sauter: „Im Land des Hamam. Begegnungen in der Türkei“. Herbig, München 2006

Günter Seufert, Christopher Kubaseck: „Die Türkei. Politik, Geschichte, Kultur“, C.H.Beck München 2004.

Günter Seufert: „Café Istanbul. Alltag, Religion und Politik in der modernen Türkei“. C.H.Beck, München 1997.

Martin Strohmeyer, Lale Halcin-Heckmann: „Die Kurden. Geschichte, Politik, Kultur“. C.H.Beck,
München 2000.